Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Respekt und Anstand

Vorarlberg / 11.02.2018 • 22:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ich habe eine Welt gesehen, in der es keinen Anstand gibt, keine Rücksicht auf andere, keinen Respekt vor der Privatsphäre.“ Das schrieb eine frühere Mitarbeiterin von Facebook, die die Aufgabe hatte, die Kommentare der User zu kontrollieren. Andererseits gibt es bei Facebook großen Zulauf für Aktionen gegen Hass im Internet. Ein Buch mit dem sperrigen Titel „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ hält sich seit Monaten auf den Bestsellerlisten ganz vorne. Geschrieben von Axel Hacke, dem Festredner des Neujahrsempfangs von Feldkirch (Verlag Kunstmann). Anstand und Respekt, lange Zeit verstaubte Begriffe, sind wieder gesellschaftsfähig geworden. Ich erinnere an Michelle Obama, die im Herbst 2016, als ihr Mann noch im Amt war, in einer berühmt gewordenen Rede an die grundlegenden Regeln menschlichen Anstands erinnert hat. Ich erinnere an Altkanzler Franz Vranitzky, der in seinem neuen Buch „Zurück zum Respekt“ verlangt. Besinnung auf Werte ist für ihn auch die Voraussetzung, um das globalisierte Leben zu gestalten und fair miteinander umzugehen. Ihm missfällt, dass es bei uns keine politische Debattenkultur mehr gibt. Alles werde zum Streit hochstilisiert, „von Boulevard-Medien und Politikern, die nach Schlagzeilen lechzen“.

Hacke wiederum zeigt auf, wie sehr Respektlosigkeit die Weltpolitik beherrscht. In der Türkei Erdogans ist fast jeder ein Terrorist, der gegen ihn auftritt, und Trump hat im Wahlkampf seine Gegnerin Hillary Clinton so lange als Betrügerin verleumdet, bis tatsächlich viele glaubten, es werde schon was dran sein. Hacke fragt, ob der Verlust des Anstands Leuten wie Trump nicht den Weg zur Macht ebnet.

Was können wir zur Wiedergewinnung von Anstand und Respekt beitragen? Mehr, als manche glauben. Ich persönlich lehne Kopftücher für islamische Frauen ab, weil ich sie als extrem frauenfeindlich ansehe. Aber im Sinn des von Hacke zitierten Germanisten Karl-Heinz Göttert akzeptiere ich sie, denn „man kann sich schlecht eine Kultur vorstellen, die auf Anstand verzichtet, aber es ist nicht nötig, dass der Anstand in jeder gleich aussieht“. Umgekehrt verlange ich von unseren türkischen Mitbürgern, dass sie einer Lehrerin die Hand geben und sie wie einen männlichen Kollegen respektieren.

Oder: Haben Sie nicht auch schon Autofahrer beobachtet, die bei einem Verkehrsstau jeden Anstand vergessen und die Rettungskräfte behindern, weil sie sich die Unfallstelle ansehen und filmen wollen? Haben Sie nicht auch schon Menschen im Stau sinnlos hupen oder andere anbrüllen gehört? Hacke fordert, alle Menschen zu respektieren, nicht nur jene, mit denen wir sympathisieren, sondern auch die Verängstigten, die Unverschämten, die Dummen, die Lauten, die Leisen, den Fremden. Was? Jedenfalls Respekt und den Versuch zu verstehen, und jene Solidarität, die die Grundlage dessen ist, was wir den menschlichen Anstand nennen könnten.

„Was können wir zur Wiedergewinnung von Anstand und Respekt beitragen? Mehr, als manche glauben.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.