„Verfassungsfeindliche Organisationen“

Politik / 11.02.2018 • 22:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

FPÖ werde sich hüten, unbefangene Historiker an ihre Geschichte heranzulassen, meint Autor Scharsach.

WIEN Die Burschenschafter-Welt ist eine geschlossene Welt. Nur wenige Außenstehende kennen sie so gut wie der Journalist Hans-Henning Scharsach. Im VN-Interview sieht er ein Problem auf die FPÖ zukommen, die unter Heinz-Christian Strache mehr denn je auf deutschnationale Burschenschafter in Parteifunktionen setzt.

 

Vor der Wahl haben Sie mit einem Buch vor einer „stillen Machtergreifung“ durch freiheitliche, deutschnationale Burschenschafter gewarnt. Überwiegt die Genugtuung, dass Sie recht behalten haben, oder die Enttäuschung, dass erst jetzt einer breiteren Öffentlichkeit die Augen aufgehen?

SCHARSACH Die Genugtuung darüber, dass es endlich gelungen ist, ein Thema zu einem solchen zu machen, das jahrzehntelang nicht wahrgenommen wurde. Auch die Medien haben sich eher lustig gemacht über die Burschenschafter mit den bunten Kappen und den Säbeln. Sie haben das witzig gefunden. Dabei ist das gar nicht witzig. Die Burschenschaften haben ununterbrochen versucht, die Gesellschaft in eine verheerende Richtung zu treiben. Sie sind explizit verfassungsfeindliche Organisationen.

 

Wie meinen Sie das?

SCHARSACH Wir haben uns in unserer Verfassung dazu verpflichtet, alle Spuren des Nationalsozialismus aus Gesellschaft und Politik zu tilgen und jede großdeutsche Propaganda zu verhindern. Die Burschenschaften sind bis über beide Ohren in den Traditionen des Nationalsozialismus stecken geblieben, und sie werben ganz offen für Großdeutschland. Oder denken sie an Nazi-Vokabular, wie „Systemmedien“ und „Lügenpresse“; das haben Freiheitliche übernommen. Und jetzt steigen aus diesem Klüngel heraus unter Umständen auch noch Leute in den Verfassungsgerichtshof auf (unter den Kandidaten finden sich unter anderem auch Burschenschafter; Anm.). Es ist eine Katastrophe, was in dem Land passiert.

 

Ist es naiv, zu glauben, dass es sich bei dem Liedtext der Wiener Neustädter Germania um einen Einzelfall handelt?

SCHARSACH Zwei Lieder werden in vielen Burschenschaften gewohnheitsmäßig gesungen: Die erste Strophe von „Deutschland, Deutschland über alles“ und das „Horst-Wessel-Lied“ (NSDAP-Hymne). Und dieser Text aus dem Liederbuch der Germania ist in Wirklichkeit ja noch viel schlimmer, als man vielleicht glauben könnte: Nicht nur, dass zur Ermordung von einer Million Juden aufgerufen wird. Das wird auch noch Ben Gurion, einer Gallionsfigur der Juden, in den Mund gelegt. Das ist eine ganz typische Täter-Opfer-Schuld-Umkehr, wie sie auch (Joseph) Goebbels betrieben hat, das ist eine Übersteigerung der ohnehin schon großen Gemeinheit.

 

Zum Deutschnationalismus: Was meint eine andere Burschenschaft mit der Formulierung „Du sollst den Tod nicht scheuen fürs deutsche Vaterland“?

SCHARSACH Das ist ernst gemeint, das ist politische Agitation.

 

Und der Staat hat bisher weggeschaut?

SCHARSACH Was soll man machen, so lange die Burschenschaften auf ihrem Boden Dinge tun, die man als Demokrat verachten mag, die aber niemand anzeigt? Eventuell die Justiz: Eigentlich ist jeder Beamte dazu verpflichtet, Gesetzesverstöße, die er wahrnimmt, zu melden. Burschenschaften verstoßen regelmäßig gegen das Wiederbetätigungsverbot. Etwa, wenn sie Brandredner, wie (Holocaustleugner) David Irving, auftreten lassen.

 

Die FPÖ will zur Aufarbeitung ihrer Geschichte eine Historikerkommission einsetzen. Was muss da herauskommen?

SCHARSACH Was soll bei einer solchen Kontinuität schon herauskommen? Die Geschichte des dritten Lagers beginnt mit Georg von Schönerer, dessen Bewegung im Parlament eine Prämie für jeden „niedergemachten“ Juden verlangte. In den 1930er-Jahren haben Burschenschaften den illegalen Nationalsozialismus in Österreich getragen. In der Vernichtungsbürokratie haben sie Karriere gemacht. Und nach Kriegsende waren sie unbelehrbar.

 

Die FPÖ hat also ein ernstes Problem, zumal sie 1956 aus der VdU hervorging und heute mehr denn je von Burschenschaftern getragen wird?

SCHARSACH Ich bin mir daher auch ganz sicher, dass sich Strache hüten wird, eine Kommission unbefangener Historiker einzusetzen.

 

Haben auch andere Parteien ein Burschenschafter-Problem?

SCHARSACH Nein. Wiens Bürgermeister Michael Häupl ist zwar als junger Mann dazugegangen. Er ist aber einer der ganz wenigen, die den Mut hatten, nach kurzer Zeit wieder auszutreten. Das adelt ihn eher. JOH

„Burschenschaften versuchten, die Gesellschaft in eine verheerende Richtung zu treiben.“

Zur Person

Hans-Henning Scharsach

Experte für Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Neonazismus

Geboren 1943 in Wien

Laufbahn Landes- und Innenpolitik-Ressortleiter der VN, Chefredakteur der Neuen Vorarlberger Tageszeitung, Auslandskorrespondent für die Kleine Zeitung, Leiter des Auslandsressorts von Kurier und News, seit seiner Pensionierung als Autor tätig.

Bestseller „Haiders Kampf“, „Haiders Clan“, „Europas Populisten“, „Die Ärzte der Nazis“ und „Strache – Im braunen Sumpf“

Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschafter, Hans-Henning Scharsach, Kremayr & Scheriau, 208 Seiten