Artefakt als Zukunftsprojekt

Vorarlberg / 14.02.2018 • 23:23 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
LR Rauch präsentierte Bilder der verfrühten baulichen Tätigkeiten.
LR Rauch präsentierte Bilder der verfrühten baulichen Tätigkeiten.

VN-Stammtisch zum geplanten Speicherteich Schwarzköpfle vor vollem Haus.

St. gallenkirch Die Thematik ließ in den vergangenen Wochen die Wogen gehörig hochgehen. Entsprechend aufgeheizt war die Atmosphäre gestern Abend im zum Bersten vollen Gemeindesaal in St. Gallenkirch. Schon beim Eintreffen der Protagonisten des Abends im Saal war schnell klar, wie sich die Stimmungslage im Publikum darstellte. Während sich Umwelt-Landesrat Johannes Rauch ein Pfeifkonzert gefallen lassen musste, wurde Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser mit frenetischem Beifall im Montafon willkommen geheißen. Dieses Stimmungsbild zog sich durch den Abend. Mehr noch – Naturschutzanwältin Katharina Lins sprach im Laufe des Abends gar von einer „Stierkampf-Atmosphäre“ und versuchte als selbsternannte Gouvernante, die Besucher zu bändigen.

Dass das Projekt rund um den geplanten Speicherteich der Silvretta Montafon polarisiert, zeigte auch das große Interesse der Zuhörerschaft. Neben den rund 500 Interessierten, die die Diskussion im Saal live miterlebten, verfolgten auch 8600 Menschen die Debatte über den online Livestream von VOL.AT.

Schwere Vorwürfe

Gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion erhob Landesrat Johannes Rauch schwere Vorwürfe gegen die SiMo indem er festhielt, dass das Unternehmen noch vor der behördlichen Bewilligung umfangreiche Bauarbeiten getätigt habe. Anhand von Fotos dokumentierte Rauch, dass bereits im Sommer 2016 Baggerarbeiten für die Verlegung der rund 17 Kilometer langen Zuleitungen für die Bescheinungsanlage erfolgt seien. „Seitens der BH Bludenz wurde mir bestätigt, dass die entsprechende Genehmigung aber erst viel später erfolgt ist“, so Rauch. Konfrontiert mit diesen Vorwürfen entgegnete SiMo-Chef Peter Marko, dass es tatsächlich zu Bautätigkeiten unmittelbar nach der Bauverhandlung gekommen sei. „Das stimmt. Wir standen aufgrund des bevorstehenden Winters unter Druck“, so der SiMo-Geschäftsführer. „Es handelte sich dabei allerdings um den Ersatz von bestehenden Leitungen, die nicht im direkten Zusammenhang mit dem Speicherteich-Projekt stehen.“

Salamitaktik

Ein Handeln, das Landesrat Rauch stark kritisierte: „Ich spreche mich klar gegen diese Vorgehensweise aus. Es handelt sich hierbei um eine Salamitaktik, die dazu führt, dass man vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Die Behörden werden so massiv unter Druck gesetzt.“ Dem pflichtete auch die Naturschutzanwältin bei: „Das Naturschutzgesetz ist ohnehin schon sehr schwach. Man hat relativ wenige Möglichkeiten. Daher ist es besonders wichtig, dass Tourismus und Natur miteinander einhergehen. Es gilt jedes Projekt genau abzuwägen.“

Im vorliegenden Fall ist es insbesondere die Größe des Projekts, die bei der Naturschützerin Unbehagen verursacht: „Ich finde, dass ein Eingriff in einer solchen Dimension nicht gerechtfertigt ist.“ Für Wirtschafts-Landesrat Karlheinz Rüdisser ist das Projekt hingegen ein Muss, um das touristische Angebot in der Talschaft mittel- und langfristig aufrechterhalten zu können: „Mir ist keine Destination bekannt, die ohne Infrastruktur überleben kann. Man muss den Qualitätsansprüchen der Gäste gerecht werden. Daher befürworte ich diese Investition ganz dezidiert.“ Seiner Ansicht nach handle es sich hierbei um „ein Zukunftsprojekt für das Montafon“.

Sommertourismus

Ebenfalls in puncto Sommertourismus gingen die Meinungen – am Podium, wie auch im Publikum – klar auseinander. Während auf der einen Seite die künstlichen Eingriffe in die intakte Natur kritisiert wurden, wurden andererseits die touristischen Vorzüge eines weiteren Sommer-Ausflugszieles hervorgehoben.

Abschließend räumte Rauch ein, das Projekt ohnehin schon aufgegeben zu haben. Dennoch freute er sich über die öffentliche Diskussion: „Nur so können wir einen Denkanstoß geben, wie weit wir bei den Eingriffen in die Natur gehen können und wollen.“ SiMo-Chef Peter Marko versicherte indes, dass man sich der Verantwortung bewusst sei. „Wir versprechen, dieser gerecht zu werden. Es geht nicht nur um Wirtschaft, sondern vor allem darum, das geschaffene Kulturgut des Skisports im Tal aufrecht zu erhalten. Grenzenloses Wachstum ist nicht unser Ziel.“

Ich gehe davon aus, dass diese Geschichte gegessen ist.

Wenn dieses Hochmoor so wichtig ist, warum ist dort nicht Natura-2000-Gebiet.

Das Naturschutzgesetz ist schwach. Man hat relativ wenige Möglichkeiten.

Wir wollen qualitativ wachsen, nicht quantitativ.

Podium: LR Johannes Rauch, SiMo-Geschäftsführer Peter Marko, Moderator Michael Gasser (VN), Naturschutzanwältin Katharina Lins und LR Karlheinz Rüdisser.

Podium: LR Johannes Rauch, SiMo-Geschäftsführer Peter Marko, Moderator Michael Gasser (VN), Naturschutzanwältin Katharina Lins und LR Karlheinz Rüdisser.

Die Besucher im voll besetzten Gemeindesaal St. Gallenkirch erlebten einen emotionsgeladenen Diskussionsabend.
Die Besucher im voll besetzten Gemeindesaal St. Gallenkirch erlebten einen emotionsgeladenen Diskussionsabend.

Stimmen vom VN-Stammtisch

Beim betroffenen Gebiet handelt es sich um ein Riedloch, davon haben wir viele im Montafon. Ich verstehe nicht, warum man wegen so einem Grottenloch so ein Theater macht. Im Unterland werden Hunderte von Quadratmetern verbetoniert und es stört niemanden. Heinrich Tschofen

Was hier als Grottenlöcher bezeichnet wird, sind in Wahrheit Naturjuwele, das hat sich offenbar noch nicht bis ins Montafon durchgesprochen. Alle Naturschutzorganisationen haben sich gegen dieses Projekt ausgesprochen. Franz Ströhle

Der Tourismus schafft nicht nur Arbeitsplätze im Tal, jede Branche ist davon betroffen. Das betrifft nicht nur uns im Montafon, sondern die Arbeitsplatzsicherheit bis nach Bregenz und über die Grenzen hinaus.“ Ulrike Düngler

Wie wäre es, wenn man das Gemeinwohl über das öffentliche Interesse stellen würde? Beim Gemeinwohl gilt es weiterzudenken als nur bis hin zu den nächsten Bilanzen, also über diese Generation hinaus. Hildegard Breiner

Wir kommen seit Jahren ins
Montafon. Ich verstehe nicht, was Sie hier im Winter ohne Tourismus machen wollen? Bei uns im Schwarzwald ist jedes Skigebiet beschneit. Peter Riegert