Eine Mutter klagt an

Vorarlberg / 16.02.2018 • 19:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die verwaiste Mutter blickt auf ein Foto, das ihren verstorbenen Sohn zeigt. VN/Kuster
Die verwaiste Mutter blickt auf ein Foto, das ihren verstorbenen Sohn zeigt. VN/Kuster

Annemarie glaubt zu wissen, warum ihr Sohn nicht mehr am Leben ist. „Er wurde am Arbeitsplatz gemobbt.“

Schwarzach Das Leben nahm ihr das Liebste, was sie hatte: ihren Sohn Ludwig*. Für seine Mutter Annemarie* war er „der ganze Lebensinhalt, mein Ein und Alles“. Annemarie zog ihren Sohn alleine groß. „Sein Vater verließ mich wegen einer Jüngeren.“ Fortan lebte sie nur noch für ihr Kind. „Ludwig gab mir so viel Kraft und Freude, dass ich alles schaffte im Leben, selbst den Hausbau.“ Er sei ein herzliches und fröhliches Kind gewesen, aber auch ein sehr sensibles. „Ihm war Frieden wichtig.“ Zu Hause hatte er den. Denn zwischen Mutter und Sohn kam es so gut wie nie zu Streitereien. Wenn sie unterschiedliche Ansichten hatten, dann diskutierten sie das aus. Doch sie wurden nie laut dabei. Als Erwachsener war Ludwig eine Stütze für seine Mutter, weil er so fürsorglich war. „Ich konnte mich zu hundert Prozent auf ihn verlassen. Er hat sich auch um mich gekümmert, wenn ich krank war. Einmal, nach einem Bandscheibenvorfall, pflegte er mich einen Monat lang rund um die Uhr. Der Arzt sagte damals zu mir: ,So ein Kind finden Sie nicht noch einmal.‘“ Die Mutter, die auf den 80er zugeht, zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und trocknet damit ihre Tränen.

„Mein Kind war eine Seele von Mensch“, fährt sie fort, ihren toten Sohn zu rühmen, „er war zu gut für diese Welt.“ Eben wegen dieser Qualitäten habe man ihn überall gemocht, auch am Arbeitsplatz. Ludwig arbeitete viele Jahre bei einer großen Institution in Vorarlberg. „Er ist immer gerne zur Arbeit gegangen und war sehr ausgeglichen“, weiß seine Mutter. Aber dann wechselte ihr Sohn die Abteilung. „In dieser Abteilung haben sie ihn psychisch kaputtgemacht.“

Ludwig sei mit der Zeit immer stiller und schwermütiger geworden. „Er verlor seine Lebensfreude.“ Seiner Mutter erzählte er, dass seine direkte Vorgesetzte seinen Computer manipulieren würde, damit er nicht arbeiten könne. „Ludwig wurde gemobbt. Das hat ihn innerlich so zermürbt, dass er jeden Morgen vor lauter Panik einen Erstickungsanfall bekam. Ich musste ihm Notfalltropfen geben.“

Er wollte nicht kündigen

Annemarie riet ihrem Sohn, sich einen anderen Job zu suchen. „Doch er wollte nicht kündigen.“ Ludwig vertraute sich dem Abteilungsleiter an. „Aber dieser sagte bloß zu ihm: Du kriegst das schon hin.“ Als ihr Sohn sich das Leben nahm, wollte auch Annemarie nicht mehr leben. „Ich habe Tag und Nacht geweint.“ Der Verlust schmerzt die verwaiste Mutter unendlich. „Es tut so weh, dass Ludwig nicht mehr da ist. Jetzt habe ich niemanden mehr, der sich um mich kümmert und der mit mir redet.“ Nun teilt mit ihr nur noch Katze Susi das Heim. „Manchmal kommt mir vor, Ludwigs Seele ist in der Katze. Denn in den Momenten, in denen es mir besonders schlecht geht, kommt Susi zu mir und tröstet mich.“

Trost spendete ihr auch ein Traum. 14 Tage nach seinem Tod erschien ihr der Sohn im Traum. „Ich sagte zu ihm: Bleib’ bei mir, geh’ nicht weg. Darauf sagte er: Ich würde gerne bleiben, aber ich muss leider wieder gehen.“ Aus diesem Traum zog Annemarie die Erkenntnis, „dass mein Sohn nicht tot ist, sondern in einer anderen Dimension weiterlebt“.  *Name geändert