„Im Kern einer jeden Geschichte sitzt eigentlich ein Märchen“

Kultur / 16.02.2018 • 18:38 Uhr / 9 Minuten Lesezeit

VN-Vorabdruck aus Michael Köhlmeiers neuem Buch „Von den Märchen“.

Ich betrachtete die Märchen und dachte über sie nach, wie ich den Blitz am Nachthimmel betrachtet und wie ich auf den Donner gelauscht habe und auf den Regen. Was gab es an diesen Erscheinungen zu begreifen – ich meine: Hatten sie Bedeutung? Hielten sie für etwas her, was sie nicht selbst waren? Ein Berg, wie er von der Natur hingestellt wurde, ist doch keine Metapher. Hätte ich ein Märchen begreifen können? Was bedeuteten Märchen? Waren die Figuren, die Geschehnisse, die Zaubereien metaphorisch zu verstehen? Sollte ich überhaupt versuchen, ein Märchen zu begreifen? – „Greif einen Schmetterling nicht an!“, hieß es, als ich ein Kind war. „Wenn die feine Staubschicht auf seinen Flügeln verletzt wird, stirbt er.“

Ich ahnte, es gibt nichts zu begreifen an einem Märchen. Nichts zu deuten. Die Deutungen erzählten mehr über den Deuter und seine Ansichten und Absichten als über seinen Gegenstand. Sehr früh hatte ich eine Nase dafür, wenn jemand mithilfe dieser stummen Schönheiten mir seinen Braten schmackhaft machen wollte.

Märchen hörten sich auch anders an als andere Erzählungen – zum Beispiel, wenn mein Vater von Karl dem Großen berichtete oder den Wikingern oder den Helden der Französischen Revolution – Robespierre, Danton, Jean-Paul Marat, Desmoulins, Saint-Just, allein ihrer Namen wegen wollte ich schon sein wie die. Ich konnte mir vorstellen, dass sie sich am Abend an unseren Küchentisch setzen, dass sie das Wort an mich richten, dass ich ihnen ein Brot schmiere und Brombeermarmelade darauf häufe und meine heiße Schokolade mit ihnen teile, dass sie die Erzählungen meines Vaters ergänzen und dass sie ihn beim Erzählen ablösen, und mein Vater sitzt dabei und nickt stolz und wissend. König Drosselbart würde das nicht tun; er könnte es nicht; es führt kein Weg von seinem Schloss zu unserem Haus.

Einmal hatte mein Vater versucht, mir ein Märchen zu erzählen, er hatte es meiner Mutter versprochen, er war allein mit mir, meine Mutter war auf Kur, meine Großmutter zusammen mit meiner Schwester in Coburg – er ist gescheitert. Es war ihm peinlich. Er hat gewartet, bis es dunkel wurde, es war Sommer und spät, aber der Mond hat geschienen, und ich sah, wie peinlich es ihm war. Gestammelt hat er und mittendrin abgebrochen. „Ich sehe, du bist zu müde … das respektiere ich … vielleicht erzähl ich dir besser morgen weiter …“

Mein Vater erzählte ausschweifend und ungeniert aus der Historie, und es ist mir nie zu lange oder gar langweilig geworden. Er hat nichts lieber getan, er hat sich selbst die Geschichte verständlich gemacht, indem er sich zurück- und hineinversetzte in die Szenen, die er für neuralgisch hielt, immer wieder, bis er meinte, die Widersprüche einer fernen Zeit zu Widersprüchen in seiner und der Person seiner Zuhörer umgeformt zu haben, so dass er und sie nicht mehr nur Betrachter, sondern mithandelnde Subjekte waren, und sei es bei schwer zu begreifenden Ereignissen – wie dem Arianischen Streit im 4. Jahrhundert, in dem es darum ging, ob Jesus göttlich, gottähnlich oder geschöpflich/menschlich sei; oder der „Magdeburger Hochzeit“, wie die Zerstörung der Stadt Magdeburg während des Dreißigjährigen Kriegs genannt wurde, bei der von den 35.000 Einwohnern gerade 450 überlebten; oder der Überführung Lenins in einem „plombierten“ Waggon von Zürich nach Russland auf Befehl Kaiser Wilhelms II., weil der lieber eine bolschewistische Revolution in Kauf nahm, als auch nur den kleinsten Vorteil seines Neffen dritten Grades, des Zaren Nikolaus II., zu dulden. Bis zur Erschöpfung hat mein Vater erzählt, seine Begeisterung für Geschichte ließ ihn Essen, Trinken, Anstand, alles vergessen, und nie hat er sich darum gekümmert, wie spät am Abend es war, und selbstverständlich auch nicht, ob sein sechsjähriger Sohn seinem Vortrag folgen konnte oder nicht. Er erzählte, als wäre er auf Armlänge dabei gewesen, als wäre er der fleischgewordene auktoriale Erzähler – als geschehe jetzt, in dem Augenblick des Erzählens, das Erzählte. Als erschaffe er erzählend die Historie. Er konnte frei Dialoge erfinden zwischen Talleyrand und Napoleon, zwischen Hitler und Schuschnigg, zwischen Antonius und Brutus, sogar zwischen Persönlichkeiten, die einander nie begegnet waren wie Shakespeares Richard III. und Josef Stalin. Er sah mir am helllichten Tag in die Augen und drohte mit dem Zeigefinger, als er den Bismarck spielte, wie er Kaiser Wilhelm II. in die Schranken wies – und ich war der Kaiser und schnitt das entsprechende Gesicht dazu, und er entschuldigte sich hinterher bei mir, weil er mir den schlechten Part zugeschoben hatte, er hielt Wilhelm II. für eine verachtenswerte Person.

Nie habe ich einen Mann souveräner durch die Geschichte schreiten sehen als meinen Vater, aber als er zum simplen „Es war einmal …“ anhob, musste er sich wegdrehen, so peinlich war ihm die Sache. Und obwohl das Mondlicht alles in ein gnädiges SchwarzWeiß tauchte, fühlte ich, wie ihm das Blut in den Kopf stieg und er rot wurde. Nicht, weil er die Märchen für kindisch hielt oder eines vernünftigen Mannes für unwürdig, das glaube ich nicht, nein; er wusste ja, dass sich die klügsten Köpfe mit Märchen befasst hatten; das Wörterbuch der Brüder Grimm hielt er für eine der größten geistigen Leistungen deutscher Sprache, Goethes Faust ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen; dass sich die Brüder – Jacob wenigstens nur in seiner Jugend, Wilhelm allerdings bis ans Ende seines Lebens – mit Märchen befasst hatten, was ja nur möglich ist, wenn man Märchen liebt, das war ihm nicht geheuer, das war meinem Vater schon fast körperlich unangenehm, er vermutete dahinter nicht etwas Dummes, sondern etwas Krankhaftes – er musste sich schon bei der ersten Wendung – Es war einmal – wegdrehen, als bestünde Gefahr, dass er mich über diese Worte ansteckt.

Ich ahnte ferner: Märchen sind nichts für Kinder. Eine solche Abwehr bringt ein Erwachsener nur auf, wenn die Sache ihn betrifft, ihn selbst, und mein Vater war für mich der Erwachsene schlechthin (wenn ich heute mit meinen achtundsechzig Jahren einen Zwanzigjährigen treffe, der einen ähnlichen Haaransatz hat, wie er einen gehabt hatte, einen vernünftigen, erwachsenen Haaransatz, der die Haare aussehen lässt, als strebten sie nach hinten, als strebte der ganze Mann voran – dann erinnere ich mich an meine Selbsteinschätzung als Kind: ein Faulpelz, ein Zauderer, ein Träumer, ein Es-war-einmal, einer, der nur im Schatten des Mondes glänzte).

Jacob Grimm hat später zugegeben: „Das Märchenbuch ist mir gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht und das freut mich sehr.“ Aus der Biografie der Brüder schließe ich auf einen kleinen Zusatz: Es freute ihn sehr für den Bruder Wilhelm.

Der Wilhelm nämlich war es, der erfunden hat, was die Gattung Grimm genannt wird. – André Jolles hat diesen Begriff geprägt. In seinem 1930 erschienenen Buch Einfache Formen – für die Märchenforschung ein Standardwerk, auch wenn der Gattung darin nur ein Kapitel gewidmet ist – schreibt er: „Ein Märchen ist eine Erzählung oder eine Geschichte in der Art, wie sie die Gebrüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen zusammengestellt haben. Die Grimm’schen Märchen sind mit ihrem Erscheinen, nicht nur in Deutschland, sondern allerwärts, ein Maßstab bei der Beurteilung ähnlicher Erscheinungen geworden. Man pflegt ein literarisches Gebilde dann als Märchen anzuerkennen, wenn es – allgemein ausgedrückt – mehr oder weniger übereinstimmt mit dem, was in den Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen zu finden ist.“