Toni Innauer

Kommentar

Toni Innauer

Die Liebe zum Nebenfach

Sport / 18.02.2018 • 19:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Otto Schenk beschreibt sie als seine unstillbare Neigung und Neugier, die Faszination für die Nebenspur, das Nebenfach. Er ist ausgebildeter Schauspieler, aber immer wieder agiert er als Regisseur und amateurhaft als Dirigent. Amüsiert beschreibt er den Zustand seines Publikums, das verzweifelt versucht, herauszufinden, ob er den Dirigenten spielt oder sich doch ernsthaft bemüht. Nobelpreisträger und Verhaltensforscher Konrad Lorenz erwähnte nicht ohne Selbstironie, dass er zu den Wissenschaftlern gehöre, die ihre Ansichten außerhalb ihres Spezialbereichs für originell und im Stillen für bedeutender halten als ihr Wirken in ihrem Spezialgebiet.

Im Spitzensport dagegen wird unter höchstem Konkurrenzdruck und Erfolgszwang das Hohelied der totalen Spezialisierung gesungen. Auch Biathleten, nordische Kombinierer oder Zehnkämpfer sind Spezialisten für Vielseitigkeit und bis auf wenige Ausnahmen in den Einzelsportarten ihres Mehrkampfes den Spezialisten eindeutig unterlegen. Aber genau diese Ausnahmen sind das Salz in der Suppe des Spitzensports. Der Vergleich im Nebenfach hat vor allem für Insider einen enormen Reiz. Ole Einar Björndalen z.B. hat bewiesen, dass er als Biathlet auch im Speziallanglauf und an guten Tagen sogar eine Medaille gewinnen kann. Skiolympiasieger Othmar Schneider holte Jahre später gar als Pistolenschütze eine WM-Bronzemedaille in einer völlig anderen Disziplin. Schnell sind wir mit der Feststellung, dass Sensationen wie der Sieg des Skisprungolympiasiegers Birger Ruud in der olympischen Kombi-Abfahrt von 1936 heute nicht mehr möglich wären.

Kennen Sie die Pragerin Ester Ledecka?

Sie ist die regierende Weltmeisterin im Snowboardparallelriesenslalom. Was sie vorhat, übertrifft den mutigen Einstieg von Mikaela Shiffrin in die Speeddisziplinen. Die Snowboarderin startet seit Ende letzten Jahres auch „in ihrem Nebenfach“ auf zwei Brettern. Zum Einstieg in den alpinen Damenweltcup hat sie in Garmisch-Partenkirchen einen 20. Platz in der Abfahrt hingeknallt, und auch heuer punktet sie dort beständig. Meinen größten Respekt vor der Fantasie, dem Mut, der Flexibilität und der Leistung der jungen Tschechin! Abgesehen von der gemeinsamen weißen Unterlage handelt es sich um völlig verschiedene Welten, in denen sie ihr Land bei den nächsten olympischen Spielen vertreten möchte. Mit elf Jahren habe ich eine Saison lang versucht, Riesentorlauf und Skispringen unter einen Hut zu bringen und wünsche dem tschechischen Multitalent alles Gute bei der Neuauflage des Experiments auf Weltklasseniveau.

„Meinen größten Respekt vor der Fantasie, dem Mut, der Flexibilität und der Leistung der jungen Tschechin!“

Toni Innauer

sport@vn.at

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.