Ein ganz anderes Musical

Kultur / 18.02.2018 • 18:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit dem Drama-Musical „Matterhorn“ werden Geschichten erzählt und Botschaften ausgesendet. Die Kostüme führen in die Zeit des Geschehens: ins Jahr 1865. Andreas J. Etter
Mit dem Drama-Musical „Matterhorn“ werden Geschichten erzählt und Botschaften ausgesendet. Die Kostüme führen in die Zeit des Geschehens: ins Jahr 1865. Andreas J. Etter

Darsteller, Musiker und Produktionsteam wurden stürmisch gefeiert.

St. Gallen Zum Triumph für alle Beteiligten ist am Samstagabend die Uraufführung des Musicals „Matterhorn“ am Theater St. Gallen geworden. Es ist schon imposant, wenn nach Verklingen des letzten Takts das gesamte Auditorium im ausverkauften Theater aufspringt und das Produktionsteam ebenso stürmisch feiert wie Darsteller und Musiker – verdientermaßen, denn das neue Drama-Musical aus der Feder von Erfolgsautor Michael Kunze ist so ganz anders als die üblichen Erfolgsmusicals.

„Wir versuchen, Musical-Botschafter der Schweiz zu sein“, hatte Operndirektor Peter Heilker im Vorfeld gesagt. Produktionen wie „Der Graf von Monte Christo“ oder „Don Camillo und Peppone“ sind auf Siegeszug, tragen den Namen St. Gallens in die Welt, und „Matterhorn“ wird ebenso ein Renner werden. Geschichten will St. Gallen erzählen, Botschaften aussenden, diesmal mit einem großen Schweizer Thema, und dafür haben die dramatischen Ereignisse um die Erstbesteigung des Matterhorns Michael Kunze eine kraftvolle Vorlage geliefert.

Unglaubliche Erfahrung

Als Komponist konnte der Welthits-Songwriter Albert Hammond gewonnen werden. Eine „unglaubliche Erfahrung“ sei es für ihn gewesen, seine Musik zum Drama authentisch wirken zu lassen, die Emotionen zu zeigen. In einem Mix von Pop, Rock, Rap, Hiphop und Klassik verbindet er das Geschehene von 1865 mit dem Heute.

Volksliedhaft ist die Liebeserklärung der Bewohner an die Heimat Zermatt, hymnisch die Huldigung an Orka, die Mythosfigur, die den Berg personifiziert (Sabrina Weckerlin), tief berührend die Songs des buckligen Luc (Countertenor Luigi Schifano). Heldisch und besessen beherrscht Oedo Kuipers als Erstbesteiger Edward Whymper die Szene. Keine Warnung, keine Zurücksetzung kann ihn abhalten von seinem ehrgeizigen Ziel: „Noch bin ich ein Niemand, doch einmal steh ich oben!“ Er wird oben stehen, doch der Abstieg wird zur Katastrophe, vier der Seilschaft stürzen in den Tod. Ihm gibt man die Schuld, er ist am Boden, doch die von Lisa Antoni wunderbar gezeichnete liebende Olivia richtet ihn auf: „Ein wahrer Held beweist sich, wenn er weiterlebt.“ Er muss erkennen, dass nicht Liebe zum Berg, sondern Hunger nach Ruhm ihn hinaufgeführt hat.

Ungeheure Fülle

Vorzüglich besetzt sind auch die übrigen Sängerdarsteller, mitreißend ist die musikalische Umsetzung durch die „Matterhorn-Band“ unter Bernd Steixner. So wie die Musik, die der Oper nahekommt, die Geschichte mitträgt, so setzt auch der indische Filmregisseur Shekhar Kapur, der hier erstmals ein Musical inszeniert, auf das Geschichtenerzählen: in leisen Kammerszenen, in mitreißenden, von Jonathan Huor choreografierten Volksszenen und in großem Kino. Kongenial ist das Zusammenwirken des schrägen Bühnenbildes samt kleiner Drehbühne (Peter J. Davison) mit den Videosequenzen, die in Anlehnung an Edward Whimpers eigene Zeichnungen Räume zaubern und den Absturz in sich überstürzenden Bilderfetzen umsetzen (fettFilm), und der stimmigen Lichtregie von Michael Grundner. Franz Blumauers Kostüme führen in die Zeit des Geschehens: in Anlehnung an historische Trachten wie auch das für heutige Augen erstaunliche Aufsteigen in Straßenkleidung. Insgesamt ein Gesamtkunstwerk, das mit einer ungeheuren Fülle an sinnlichen Eindrücken begeistert und überwältigt.

Das Musical ist noch bis zum
17. Juni im Theater St. Gallen
zu sehen. www.theatersg.ch