Plädoyer für den guten Überfluss

Markt / 18.02.2018 • 19:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Essbare Möbel, kompostierbare T-Shirts: Michael Braungart ist Mitbegründer des Cradle to Cradle-Prinzips. Mit Nachhaltigkeit hat das aber gar nichts zu tun.

Schwarzach T-Shirts, die kompostierbar oder Sitzbezüge, die essbar sind. Keine Science-Fiction, sondern bereits Realität. Dahinter steckt das Cradle to Cradle-Prinzip. Professor Michael Braungart hat dieses mitbegründet. Aber wer jetzt denkt, er mag Begriffe wie Nachhaltigkeit, Effizienz oder Klimaneutralität, der irrt.

Beim Cradle to Cradle-Prinzip werden Produkte so hergestellt, dass kein Abfall entsteht. Alle Rohstoffe zirkulieren in Kreisläufen, und so werden die Produkte am Ende entweder im biologischen Kreislauf zu Kompost oder zu Nährstoffen, aus denen neue Produkte entstehen, oder sie landen im technischen Kreislauf, wo die Rohstoffe zurückgewonnen und wiederverwertet werden. Der Bregenzer Strumpfkonzern Wolford zum Beispiel bringt die erste Cradle to Cradle-Strumpfhose auf den Markt. Sie ist kompostierbar. Genauso wie das Öko-T-Shirt von C&A. Im Airbus 380 sind die Sitzbezüge theoretisch essbar. Die niederösterreichische Druckerei Gugler ist die erste, die ausschließlich mit Substanzen druckt, die wieder in den biologischen Kreislauf rückgeführt werden können. Auch die Steinzeugrohre von Wienerberger werden nach diesem Prinzip hergestellt.

Wieso Michael Braungart, der Chemiker und Verfahrenstechniker, über dessen Buch der Schauspieler Brad Pitt sagt, es zähle zu den drei wichtigsten Büchern, die er gelesen hat, nun aber das Wort Effizienz nicht mag? „Die guten Produkte entstehen nicht dadurch, dass man schädliche Substanzen reduziert. Weniger schlecht ist nicht automatisch gut“, sagt er im VN-Gespräch. „Wenn ich ein Kind nur fünf Mal statt zehn Mal schlage, ist das ja auch nicht gut.“

Profitables Geschäft

Aber, und das ist die gute Nachricht, prinzipiell könne jedes Produkt nach dem Cradle to Cradle-Prinzip produziert werden. Somit werden diese nicht weniger schädlich, sondern gut für Umwelt und Gesundheit und auch noch hochprofitabel. „Man kann bis zu 20 Prozent günstiger fertigen, weil ja Kosten für Lagerhaltung oder Arbeitsschutz wegfallen und weil die Intelligenz im Produkt selber liegt“, sagt Braungart über die „echte Innovationschance“ für Unternehmen.

Und was ist mit dem Fernseher, der Unmengen an schädlichen Stoffen enthält? Dieser wird zwar schon heute recycelt, aber Braungart hat davon ein völlig anderes Verständnis. Denn aus einem Fernseher werde fast nichts zurückgewonnen. Die Chance liege vor allem darin, Produkte nicht zu verkaufen, sondern zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. Nicht das Fernsehgerät, sondern „fünf Jahre lang fernsehen“, oder statt der Waschmaschine die Dienstleistung „3000 Mal waschen“. Dann lohne es sich für den Hersteller nämlich, schon in der Produktentwicklung in die spätere Wiederverwertbarkeit der eingebauten Teile zu investieren.

Kein Verzicht

Verzicht ist beim Cradle to Cradle-Prinzip also nicht notwendig, weil die Produkte ja gesund und nützlich sind. Wieso Braungart aber mit dem Begriff Nachhaltigkeit so gar nichts anfangen kann? Weil sie den Kunden zum Feind macht. „Man impliziert, dass es besser ist, wenn ich etwas nicht kaufe.“ Echte Innovation sei letztlich nicht nachhaltig, weil Nachhaltigkeit das Bestehende konserviere. Genauso wenig mag der Professor das Wort Klimaneutralität. „Eine Stadt kann nämlich nur klimaneutral sein, wenn ich gar nicht existiere. Auch kein Baum ist klimaneutral, weil er ja gut fürs Klima ist.“

Was Braungart dafür optimistisch stimmt: dass sich Länder wie die Niederlande oder Luxemburg explizit zu Cradle to Cradle bekannt haben, oder dass alle namhaften Designschulen der Welt mittlerweile sein Prinzip lehren. Noch viel zu tun gibt es dennoch für ihn. Gerade ist er dabei, sein neuestes Buch zu finalisieren, das sich diesmal der Biolandwirtschaft widmet. Neu zu denken sei auch hier angesagt.

„Eine Gemeinde oder Stadt kann nur klimaneutral sein, wenn ich gar nicht existiere.“

Veranstaltung „Nachdenken! Cradle to Cradle und Circular Economy“ mit Prof. Dr. Michael Braungart, Mi 21.2.2018, 19.00 Uhr im Pförtnerhaus Feldkirch. Anmeldung: www.jwv.at/events/braungart