Bildungshemmer Wachstum

Vorarlberg / 19.02.2018 • 19:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Studie zeigt: Das Bildungsniveau von Menschen mit Migrationshintergrund ist gestiegen.

Schwarzach Und sie bewegt sich doch! Unter diesem Titel untersuchte das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) im Auftrag der Projektstelle „okay.zusammen leben“ die Entwicklung der Integration von Zugewanderten in Vorarlberg. Dabei stellten die Experten fest: Das Bildungsniveau von Menschen mit Migrationshintergrund ist stark gestiegen. Laut Studienautor August Gächter hängt dies unter anderem mit der schlechten ökonomischen Lage ab 2008 zusammen. Seit 2016 brummt die Wirtschaft wieder. Gächter warnt: „Damit steigt auch die Nachfrage an niedrig qualifizierten jungen Menschen, was wiederum Auswirkung auf das Bildungsniveau haben könnte.“

Anteil steigt

Die Daten der Studie stammen aus der EU-Arbeitskräfteerhebung, die seit 2014 durchgeführt wird. In Vorarlberg werden vierteljährlich rund 2000 Haushalte befragt. Die Zahlen zeigen, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Vorarlberg gestiegen ist. Also von Menschen ohne österreichischer Staatsbürgerschaft oder mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil. Speziell unter Jugendlichen steigt der Anteil. Vor zehn Jahren hatte jeder vierte (26 Prozent) Vorarlberger im Alter von 15 bis 24 Jahren Migrationshintergrund. Mittlerweile trifft dies auf jeden dritten zu (34 Prozent).

Auffallend ist laut Gächter die Bildungssituation. In den vergangenen Jahren habe der Anteil der Jugendlichen, die auf einen mittleren oder höheren Abschluss hinarbeiten – oder ihn erreicht haben – merklich zugenommen. „Besonders bemerkenswert ist die positive Entwicklung der Bildungsbeteiligung bei Jugendlichen mit Eltern aus der Türkei“, schreiben die Studienautoren. 

Frauen bilden sich stärker

Demnach haben in den Jahren 2008 bis 2010 noch 40 Prozent dieser Personengruppe spätestens mit dem Pflichtschulabschluss die Ausbildung beendet. Acht Jahre später liegt dieser Wert bei 24 Prozent. Bei Jugendlichen mit österreichischen Eltern sind es konstant zehn Prozent. Unter Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund zwischen 15 und 19 Jahren sank der Wert von 44 auf 14 Prozent. Vor allem Frauen würden immer stärker in Richtung Matura streben. Bei den Frauen gehören zehn Prozent zur Gruppe der Bildungsabbrecher, bei den jungen Männern sind es 17 Prozent. Die Wirtschaftskrise ab Herbst 2008 habe dazu geführt, dass Jugendliche länger in Bildungseinrichtungen blieben. Im Gegenzug sank die Zahl der erwerbstätigen Jugendlichen, erst 2015 begann sie wieder leicht zu steigen.

Weiters stellt Gächter fest: „Frauen der zweiten Generation sind gut in den Arbeitsmarkt integriert.“ Also jene Frauen, die in Österreich ihre Bildung erworben haben, deren Mütter oder Väter aber nicht in Österreich geboren wurden. Die Studie zeigt, dass weniger der Geburtsort als viel mehr der Bildungsort für den Arbeitsmarkt von Bedeutung ist. Die Erwerbstätigenrate bei Frauen mit Bildung in Österreich und Eltern aus der Türkei ist auf über 70 Prozent gestiegen. Bei Frauen mit Eltern aus Österreich sind es über 80 Prozent.

Unterschied zu Restösterreich

Hingegen gehen nur 45 Prozent der Frauen einer Arbeit nach, die ihren Bildungsabschluss in der Türkei gemacht haben. In der Studie heißt es dazu: „Die Erwerbstätigenrate dieser Frauen ist zwar ausgesprochen niedrig, in Vorarlberg ist sie aber um zehn Prozentpunkte höher als im übrigen Bundesgebiet.“ Und in der zweiten Generation ist der Anteil der Vollzeitbeschäftigten unter Frauen in etwa gleich hoch wie jener von Frauen mit Eltern aus Österreich.

Funktioniert Integration also? „Schwer zu sagen, dazu muss man klären, was man darunter versteht“, antwortet August Gächter und fügt an: „Allerdings kann man sagen, dass sich die Voraussetzungen, integriert zu werden, verbessern.“

„Damit steigt auch die Nachfrage an niedrig qualifizierten jungen Menschen.“

Auszug aus den Studienergebnissen

Die Zahl der Personen mit österreichischer Staatsangehörigkeit und in Österreich geborenen Eltern ist um rund 9000 zurückgegangen: von 251.000 Personen (im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2010) auf  242.000 Personen (2014 bis 2016).

Vor zehn Jahren hatten in der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren 26 Prozent einen Migrationshintergrund, mittlerweile sind es 34 Pozent.

Der Anteil der Pflichtschulabbrecher oder von jenen, die höchstens Pflichtschulabschluss haben, sinkt. Am markantesten ist dieser Rückgang bei Jugendlichen mit Eltern aus der Türkei: von 41 auf 24 Prozent.

Etwa 30 Prozent der Beschäftigten, die in Österreich Abschlüsse über der Pflichtschule haben und deren Eltern aus der Türkei stammen, sind in Hilfs- und Anlerntätigkeiten beschäftigt. Sie arbeiten trotz höherer Bildung dort, wo keine formale Ausbildung notwendig ist.