Künstler müssen keine Heiligen sein

Kultur / 21.02.2018 • 18:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Bilderstürmer und Tugendpolizisten haben Hochkonjunktur. In Deutschland wird ein Gedicht des Schriftstellers Eugen Gomringer nach Protest von der Fassade einer Hochschule entfernt. Stein des Anstoßes ist Text: Alleen, Alleen, und Blumen, Blumen, Blumen und Frauen/ Alleen/Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen und/ ein Bewunderer. Ein klarer Fall für die Kunstmoralisten: Purer Sexismus und patriarchale Aufforderung zu physischer Gewalt gegen Frauen.

Teile der Burgtheaterbelegschaft werfen ihrem ehemaligen Direktor Hartmann vor sie mit angeblicher Egomanie, ungebührlichem Arbeitsstil und Umgangston in Angst und Schrecken versetzt zu haben. Ging es bei der MeToo Debatte um den selbstverständlich verwerflichen sexuellen Missbrauch männlicher Macht, so reicht nun bereits eine unangenehme Arbeitsatmosphäre für eine mediale Verurteilung aus. Künstlerische Qualitäten spielen da keine Rolle mehr. Geradezu selbstverständlich werden heute auch Boykott und Rufmord in der Kunstwelt als neue moralische Strafen verhängt.

So dürfen wir also in Zukunft keine Filme von Woody Allen, dem bislang unbewiesen Kindesmissbrauch vorgeworfen wird, mit gutem Gewissen mehr ansehen, so müssen Festivalintendanten Roman Polanski aus gleichen „ guten Gründen „ aus ihren Programmen streichen. Und dem Dieb der Saliera hätte Dank gebührt, hat er doch das Kunsthistorische Museum zumindest temporär vom Werk des Mehrfachmörders Cellini befreit. Von unseren Kunsthelden von Schiele bis Loos wollen wir hier gar nicht reden. Kunstwerke von Kunstgrößen wie Balthus sollen in Museen abgehängt werden, da sie angeblich Gedanken an Pädophilie wecken. Würde man heutige Maßstäbe an die Helden der Moderne anlegen, müsste man auch Picasso aus den Museen verbannen oder zumindest seine Werke mit einer Warntafel versehen, galt das Kunstgenie doch als Sexmaniak und Sadist.

Um nicht missverstanden zu werden, Künstler sind keine über Gesetzen stehende Halbgötter, aber Sie taugen auch nicht zu Heiligen einer Gesellschaft, die Ihr Gutmenschsein von der korrekten Müllentsorgung nun auch auf eine ethisch korrekte Kunst ausdehnt. Herausragende Kunst entsteht weder in moralischen Anstalten noch in Wohlfühloasen für Mitarbeiter, geht es doch um Extremes und Existentielles, um Aufbegehren und Wahrheitssuche. Basisdemokratie, gutes Benehmen und einwandfreier Lebenswandel können kein Ersatz für künstlerische Vision, Radikalität und Leadership sein.

Was heute im Namen der Political Correctness den Boykott von Künstlern und Kunstwerken als Weltverbesserung feiert, erinnert an totalitäre und dunkle Zeiten der Bücherverbrennung und Berufsverbote. Gute Kunst muss frei, radikal und kompromisslos sein, politisch korrekt und moralisch muss sie nicht öffentlichen sein.

„Von unseren Kunsthelden von Schiele bis Loos wollen wir hier gar nicht reden.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.