„Mama, ich leide an Seelenkrebs“

Vorarlberg / 21.02.2018 • 18:19 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Phillip mit seinen Schwestern Anja, Katharina und Patricia. Sie fingen ihren Bruder oft auf und versuchten, ihn zu beschützen. privat
Phillip mit seinen Schwestern Anja, Katharina und Patricia. Sie fingen ihren Bruder oft auf und versuchten, ihn zu beschützen. privat

Drei Wochen lang war Phillip Mock vermisst. Dann fand man ihn tot im Wald. Er litt an Depressionen.

Rankweil Mehrere Hundert Menschen strömten am 12. Dezember 2017 zu seiner Beerdigung. Phillip Mock war sehr beliebt. Mutter Anneliese (53) berührt es sehr, dass ihn so viele mochten. Phillip übte verschiedene berufliche Tätigkeiten aus. Der Absolvent der Schule für Sozialbetreuungsberufe war einige Jahre lang im Sozialbereich tätig, später arbeitete er als Busfahrer und zuletzt als Briefträger bei der Post. Seiner Mutter fiel auf, dass er von jedem Lebensabschnitt Menschen mitnahm.

Ein sehr sensibler Mensch

Auch durch die Musik – Phillip spielte in mehreren Bands – erwarb er zahlreiche Freunde. Musik war seine große Leidenschaft. „Man kannte Phillip nur mit der Gitarre in der Hand“, erzählt seine Schwester Anja. Ihr Bruder habe ein ultimatives Gehör besessen. „Er spielte alles, was man wollte, wie eine Jukebox.“ Sein musikalisches Talent wurde früh erkannt und gefördert. Phillip besuchte die Musikhauptschule und wirkte in vielen Aufführungen mit. Später, als er des Lebens zunehmend überdrüssig wurde, fand er in der Musik, aber auch bei seiner Familie und seinen Freunden Halt. Seine Feinfühligkeit war ihm im Lebenskampf wenig dienlich. „Er war schon als Kind sehr sensibel. Ihm war wichtig, dass es alle gut haben“, erzählt seine Mutter. Sie erinnert sich daran, wir ihr damals kleiner Sohn mit dem Rucksack zur Oma ging, um dort zu übernachten. „Phillip tat die Oma leid, weil sie allein im Haus wohnte. Wenn er am Morgen von ihr ging, winkte er ihr noch lange zu.“

Seine Tochter Matilda starb

Später, als er bei der Lebenshilfe arbeitete, ging er in seiner Freizeit mit seinen Schützlingen ins Kino. „Er hatte ein großes Herz und ein offenes Ohr, besonders für die schwächeren Menschen in unserer Gesellschaft.“ Phillip war Mitte 20, als er zum ersten Mal in eine Sinnkrise schlitterte. „Nachdem eine Beziehung gescheitert war, sah er keinen Sinn mehr in seinem Leben. Er stürzte in ein gewaltiges Tief“, erzählt Anneliese mit traurigen Augen. Die Ärzte sprachen damals von einer depressiven Episode. Phillip schaffte es, wieder auf die Beine zu kommen. Aber fortan begleitete ihn die Angst, wieder in ein solch tiefes Loch zu fallen. Und seine Angst war nicht unbegründet. „Immer wieder litt er phasenweise unter Depressionen“, berichtet seine Mutter.

Dazwischen hatte ihr Sohn aber auch gute Zeiten. „Da war er sehr humorvoll und konnte einen mitreißen.“ Anneliese freute sich riesig mit ihrem Sohn, als er ihr im Jahr 2015 mitteilte, dass er Vater wird. „Ich hätte die ganze Welt umarmen können. So glücklich war ich für ihn.“ Phillip selbst war unheimlich stolz. Im November 2015 war es soweit. Seine Tochter Matilda wurde geboren, aber zu früh und unter dramatischen Umständen. Das Kind hatte im Mutterleib einen Schlaganfall erlitten. Mit einem Notkaiserschnitt wurde es auf die Welt gebracht. Kurz nach der Geburt starb das Mädchen.

Ihr Sohn sei damals wie versteinert gewesen. „So habe ich ihn noch nie gesehen.“ Nach diesem Schicksalsschlag legte sich über das Leben des seelisch kranken Mannes ein grauer Schleier. Die dunklen Phasen in seinem Leben weiteten sich aus. Mit jedem Tief wurde Phillip, der in psychologischer Behandlung war, müder. „Zum Schluss fühlte er sich ganz verloren. Er sagte: Mama, ich leide an Seelenkrebs.“

„Jetzt darf Phillip Papa sein“

Seine Eltern und seine drei Schwestern taten alles, um ihm das Leben wieder schmackhaft zu machen. Anneliese dachte immer, „dass wir ihn mit unserer Liebe halten können“. Aber das stellte sich als Trugschluss heraus. Drei Wochen lang galt Phillip als vermisst. Die Familie und viele andere Menschen suchten ihn fieberhaft. Bergretter fanden ihn schließlich tot im Wald. Der 34-Jährige hatte sich das Leben genommen. In dieser schweren Zeit erfuhr die Familie ganz viel Unterstützung. Anneliese erzählt: „Nie hätte ich gedacht, dass es so viel Nächstenliebe gibt und so viele gute Menschen. Ich danke jedem einzelnen.“ Die Mutter zieht das Sterbebild ihres Sohnes aus der Schublade. Dann meint sie: „Ich bin mir sicher, dass es Phillip jetzt gut geht.“ Sie glaubt, dass seine Tochter Matilda ihm mit offenen Armen entgegengerannt ist. „Jetzt kann und darf Phillip Papa sein. Ich stelle mir vor, wie er mit Matilda spielt, lacht und musiziert.“ Diese Vorstellung und der Glaube an Gott bewahren sie davor, in der Trauer zu ertrinken.  

„Wir dachten, dass wir ihn mit unserer Liebe halten können. Das war ein Trugschluss.“