„Es ist eine Schande“

Politik / 22.02.2018 • 22:42 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Für die Menschen sei das Dasein in ihren Ländern untragbar geworden, sagt Asserate. Deswegen flüchten sie. AP, Anna Meuer
Für die Menschen sei das Dasein in ihren Ländern untragbar geworden, sagt Asserate. Deswegen flüchten sie. AP, Anna Meuer

Autor fordert Kehrtwende in der EU-Afrikapolitik.

bregenz Menschen ohne Perspektive lassen sich nicht von der Flucht über das Mittelmeer abbringen, ist der Schriftsteller und Afrika-Kenner Asfa-Wossen Asserate überzeugt. Damit sich daran langfristig etwas ändern kann, müsse Europa endlich seine „Wahnsinnspolitik“ gegenüber afrikanischen Gewaltherrschern beenden.

 

Derzeit fordern viele Politiker, auch in Österreich, einen besseren Schutz der europäischen Außengrenzen, um die illegale Migration einzudämmen. Ist das Ihrer Ansicht nach ein sinnvoller Ansatz?

asserate Zuerst müssen wir einmal herausfinden, was die wahren Fluchtursachen sind. Diese gilt es zu bekämpfen. Es sind die afrikanischen Gewaltherrscher, die ihrem eigenen Volk nicht die Möglichkeit geben, ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Seit 50 Jahren werden diese Diktatoren von europäischen Demokraten alimentiert. Man kann Mauern bauen, man kann 20 Nato-Divisionen nach Italien und Griechenland schicken. So lässt sich Europa nicht abschotten. In Ceuta (Anmerkung: spanische Enklave in Nordafrika) ist der Grenzzaun schon über fünf Meter hoch. Trotzdem schaffen es immer wieder zahlreiche Afrikaner, ihn zu überwinden.

 

Was müsste die Europäische Union im Fall Afrikas tun?

asserate Die Europäer müssen ihre Wahnsinnspolitik der letzten 50 Jahre verändern. Die sogenannte Realpolitik, in Wahrheit nur eine Appeasement-Politik, ist eine Schande. Seit Jahren weise ich darauf hin, dass es eine gemeinsame EU-Afrika-Politik braucht. Was nützt es, wenn sich Deutschland von heute auf morgen dazu entscheiden würde, mit dem einen oder anderen afrikanischen Land die diplomatischen Beziehungen abzubrechen, da es die Menschenrechte nicht beachtet? Dann würde dieses Land wohl umgehend mit Frankreich das beste Geschäft seines Lebens aushandeln. Natürlich ist es schwierig, eine gemeinsame Afrika-Politik auf die Beine zu stellen, wenn das nicht einmal bei der Asylpolitik funktioniert. Doch es ist unabdingbar, will man das Problem der Migration lösen.

Wie verzweifelt sind diese Menschen, dass sie die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer auf sich nehmen?

aSSERATE Für sie ist das Dasein in ihrem Land untragbar geworden, sei es wegen der Politik, der Armut oder der Perspektivenlosigkeit. Es gibt Regionen in Afrika, wo es eine 60 prozentige Jugendarbeitslosigkeit gibt. Natürlich kann man nicht sagen, dass die Europäer in den 50 Jahren der Unabhängigkeit der meisten dieser Länder untätig geblieben sind. Über zwei Billionen Dollar sind mittlerweile nach Afrika geflossen. Das Interessante daran ist aber, dass etwa 1,6 Billionen Dollar wieder in den Westen zurückgekommen sind – in Form von Schweizer Konten, Palästen an der Loire oder Immobilien in London und Paris. Der Großteil der Entwicklungsexperten sagt, dass von diesen Geldern nicht einmal ein Drittel die richtigen Adressaten erreicht hat.

Welche Rolle spielen denn die Agrarsubventionen der Europäischen Union?

asserate Sie sind ein großes Problem und mit dafür verantwortlich, dass in Afrika Armut und Perspektivenlosigkeit herrschen. Nehmen wir zum Beispiel Hühnerfleisch. Europäische Hühnerschenkel können in Westafrika um die Hälfte jenes Preises verkauft werden, den der einheimische Hühnerzüchter anbieten kann. Dasselbe gilt für Getreide oder Tomaten. Das führt zu der Situation, dass ghanaische Bauern in Italien als Tagelöhner in der Tomatenernte tätig sind und dazu beitragen, dass jene Tomaten in ihre Heimat exportiert werden, die dafür sorgen, dass die dortigen Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind.

 

Glauben Sie, dass bald ein Umdenken stattfinden könnte?

asserate Ich fühle mich wie die Stimme in der Wüste. Von der großen afrikanischen Migrationswelle habe ich schon vor 20 Jahren gesprochen. Da wurde ich ausgelacht. Ich will kein Prophet sein. Mir wäre es lieber, es würde sich tatsächlich etwas an der europäischen Afrika-Politik ändern. Und das geht nur, wenn man akzeptiert, dass die ­afrikanischen Gewaltherrscher, die nur an sich denken und sich die ­Taschen vollstopfen, die größte Fluchtursache darstellen. Zum einen muss die EU gute Regierungsführung fördern. Zum anderen braucht ­besonders die junge afrikanische Generation eine Perspektive, damit sie in ihren Heimatländern bleibt. VN-RAM

Zur Person

Asfa-Wossen Asserate
geb. 1948 in Addis Abeba, ist ein äthiopisch-deutscher Unternehmensberater, Bestsellerautor und politischer Analyst. Weithin bekannt machte ihn sein Buch „Manieren“ (2003). Asserate ist Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Er lebt in Frankfurt am Main und Tübingen.

Am Dienstag laden die Stadt Bregenz und das Franz-Michael-Felder-Archiv im Magazin 4 zur Veranstaltung „Flucht und Migration.“ Der Autor Ilija Trojanow liest aus seinem Werk „Nach der Flucht“; danach hält Asfa-Wossen Asserate seinen Vortrag: „Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten.“