Dem Geist zuliebe im Unruhestand

Gesund / 23.02.2018 • 07:59 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Primar Reinhard Bacher wusste das Publikum mit Fachwissen und launigen Worten zu fesseln.vn/stiplovsek
Primar Reinhard Bacher wusste das Publikum mit Fachwissen und launigen Worten zu fesseln.vn/stiplovsek

Demenzerkrankungen sind nicht heilbar, aber sie lassen sich hinauszögern.

feldkirch Bildung, Bewegung und mediterrane Kost sind Schlüsselbegriffe im Kampf gegen Demenzerkrankungen. Primar Reinhard Bacher, Leiter der Gerontopsychiatrie im Landeskrankenhaus Rankweil, zauberte beim MedKonkret-Vortrag aber noch mehr Präventionsmöglichkeiten aus dem Hut. Nichts Kompliziertes, sondern einfache Dinge, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen. „Bleiben Sie sozial aktiv, spielen Sie Strategiespiele, musizieren Sie, lernen sie eine neue Sprache, lesen Sie anspruchsvolle Texte. Tun Sie alles, aber lassen Sie keine Routine aufkommen“, ermunterte Bacher die vielen Besucher, dem Geist zuliebe im Unruhezustand zu bleiben. Bei einer bereits bestehenden Demenz geht es laut dem Psychiater vor allem um eine gute Begleitung und Betreuung der Betroffenen und jener, die sich um sie kümmern.

Angst vor dem Vergessen

Viele Vorträge wurden zu diesem Thema schon gehalten. Doch der Bedarf an Information scheint größer denn je. Selbst Reinhard Bacher registrierte mit Erstaunen den enormen Andrang zur MedKonkret-Veranstaltung. Schon lange vor Beginn war der Panoramasaal im Landeskrankenhaus Feldkirch bis in die letzte Ecke gefüllt. Verwundern darf es nicht, sind demenzielle Erkrankungen wie Alzheimer immer noch etwas, vor dem sich die Menschen am meisten fürchten. Ins Vergessen abgleiten und nichts dagegen tun können, macht Angst, die Entwicklungsprognose ebenfalls. So wird es etwa in Österreich bis 2050 rund 262.000 Demenzkranke geben. Derzeit sind rund 40 Prozent der 90-Jährigen dement. „Das heißt aber auch, dass es 60 Prozent nicht sind“, betrachtete Primar Bacher das Glas lieber von der halbvollen als halbleeren Seite.

Tatsächlich ist die Demenz eine Erkrankung des höheren Lebensalters, beginnend ab 65 Jahren. Die steigende Lebenserwartung trägt ihren Teil dazu bei. Das Problem: Eiweißablagerungen im Gehirn, die einer Demenz in den meisten Fällen zugrunde liegen, bilden sich meist schon lange bevor die Erkrankung überhaupt manifest wird. Eine Früherkennung ist daher kaum möglich. Und den einen Auslöser in einem Netz von 86 Milliarden Nervenzellen zu finden, kommt der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen gleich. „Das Gehirn ist wie das Universum: Wir sehen viel, wissen aber wenig“, verdeutlichte Reinhard Bacher die Komplexität dieses Organs, die sich letztlich auch in den demenziellen Erkrankungen wiederspiegelt.

Abklärung wichtig

Als Risikofaktoren für eine Demenz nannte der Arzt unter anderem das Alter, Schädel-Hirn-Traumen, Depressionen, chronischen Stress, Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und den Schlaganfall. Langjähriger übermäßiger Alkoholkonsum bedeutet auch Gift für das Gehirn. Doch nicht jede Vergesslichkeit ist gleich eine Demenz. „Eine solche liegt vor, wenn der Gedächtnisverlust den Alltag so beeinträchtigt, dass er für den Betroffenen nicht mehr allein bewältigbar ist“, erklärte Bacher. Auch Orientierungsstörungen Persönlichkeitsveränderungen sind klare Merkmale einer Demenz. Etwas anderes ist ein akuter Verwirrtheitszustand, der oft für eine Demenz gehalten wird. Aber: „Eine akute Demenz gibt es nicht.“ Auf jeden Fall ist eine medizinische Abklärung wichtig.

Eine Heilung dementieller Erkrankungen liegt allerdings noch in weiter Ferne. Deshalb können nur die Symptome behandelt werden. Dies erfolgt medikamentös oder nichtmedikamentös etwa durch Validation oder Musiktherapie. Primar Reinhard Bacher verstand es, dem schweren Thema mit Humor die Spitze zu nehmen, was ihm immer wieder spontanen Zwischenapplaus bescherte. Er appellierte an Angehörge von Demenzkranken, sich frühzeitig Beratung und Unterstützung zu holen. „Es muss den Angehörigen gutgehen, dann geht es auch dem Demenzkranken gut.“ Ebenso sind rechtliche Hilfestellungen angeraten. Es gab aber auch ein unverblümtes Plädoyer für ein Sterben in Würde. „Wir müssen Demenzkranke vor der modernen Medizin schützen“, stellte Reinhard Bacher klar, dass jeder Eingriff und jede Untersuchung wohlüberlegt sein will. Dafür wurde dem engagierten Mediziner ebenfalls viel Beifall gezollt. VN-MM