„Ich gehe mit der Fahne voraus“

Sport / 23.02.2018 • 18:28 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ist mit der Medaillen-Bilanz der Alpinen zufrieden.Gepa
ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ist mit der Medaillen-Bilanz der Alpinen zufrieden.Gepa

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel über Macht, Hierarchien, Geld und Problemzonen.

Pyeongchang Nicht die Nordischen sind die Problemzone, sondern die Springer, sagt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel.

Wie fällt Ihre Bilanz der Spiele aus?

Schröcksnadel Der Sport hat mir super gefallen, das Klima gar nicht: eiskalt, windig, staubig. Organisiert war es super, auch die Pisten waren bis auf den Slalomhang sehr gut.

Das mit dem ungewohnten Schnee für unsere Alpinen hören wir seit 15 Jahren.

Schröcksnadel Das Problem ist, dass wir darauf nicht trainieren können. Wenn der Weltcup beginnt und es auch bei uns Schnee gibt, dann sind wir dort nicht vor Ort. Darauf können sich halt mache Fahrer und manche Skimarken besser einstellen, manche weniger. Das ist keine Ausrede, sondern eine Feststellung.

Bis auf die Damen-Abfahrt waren die Alpinen aber auf dem Punkt – oder?

Schröcksnadel Sechs bis acht Medaillen waren die Vorgabe, die ist erfüllt. Es sind zwar nur sechs geworden, aber dafür mehrere in Gold.

Die Problemzone sind dafür die Nordischen, sehen Sie das auch so?

Schröcksnadel Nicht die Nordischen, sondern die Springer. Die Kombinierer waren mit zwei Medaillen über dem Plan. Da sind die Deutschen derzeit so weit weg, die sind praktisch unschlagbar. Auch die Biathleten waren gut, mit der Medaille war nach den Ergebnissen im Weltcup nicht zu rechnen. Nur im Springen waren wir weit weg.

Trotzdem haben Sie zu Wochenbeginn eine Jobgarantie für Heinz Kuttin abgegeben?

Schröcksnadel Ich hab keine Jobgarantie abgegeben! Man hat mich gefragt, ob wir ihn rausschmeißen, und ich habe gesagt, dass wir das sicher nicht tun.

Wird er Cheftrainer bleiben?

Schröcksnadel Ich diskutiere das jetzt nicht, sondern frühestens nach der Saison. Das heißt aber nicht, dass er eine Jobgarantie hat. Wir sind aber nicht beim Fußball, wo man ständig die Trainer wechselt.

Was sagen Sie zu den offen ausgebrochenen Differenzen im Springerteam?

Schröcksnadel Wer sich auskennt, weiß, dass es die schon seit Sotschi 2014 gibt. Diese Differenzen sind prolongiert worden, das hat auf die Mannschaft keinen guten Einfluss. Die Kombinierer, die mannschaftlich nicht so gut sind wie die Springer, stehen zusammen und machen eine Medaille. Das ist bei den Springern nicht der Fall.

Aber es ist doch nicht normal, dass ein Athlet kritisiert, die falsche Technik zu haben?

Schröcksnadel Das ist ein völliger Blödsinn! Ein Athlet kann nicht kritisieren, was der Trainer tut. Er kann mit ihm diskutieren, was für ihn gut ist, ja. Ich nehme an, das hat Gregor Schlierenzauer gesagt? Es hindert ihn ja niemand daran, eine andere Technik zu springen! In allen Sportarten sieht man, dass die wirklich Guten etwas anderes tun als die meisten.

Haut der Präsident in solchen Konflikten einmal auf den Tisch?

Schröcksnadel Das mache ich selten. Ich habe ein wichtiges Prinzip: Du darfst einem Trainer nicht dreinreden. Du kannst ihn kündigen, wenn es nicht passt, aber nicht dreinreden. Sonst kann man ja gleich den Job selbst machen.

Sind wir also vor der Heim-WM 2019 in Seefeld gut aufgestellt?

Schröcksnadel Ein Kraft oder ein Hayböck, die haben ja das Springen nicht verlernt. Aber der Nachwuchs ist ein Problem, weil das System nicht mehr so funktioniert. In Slowenien, in Planica, da haben sie das, was wir brauchen: Die haben acht Schanzen, die haben Infrastruktur. Und wir haben gar nichts. Oder Norwegen: In jedem Kaff gibt es dort kleine Schanzen.

Was kann man da tun?

Schröcksnadel Der ÖSV kann keine Infrastruktur bauen. Der ÖFB baut ja auch nicht in jedem Dorf einen Fußballplatz. Früher gab es mehr persönliche Initiativen. Warum kommen aus Göstling so viele gute Skifahrer? Weil es einen guten Klub gibt. Von diesen kleinen Zentren lebt man. Wer kommt heute schon als Skifahrer aus Lech, Zürs, St. Anton? Keiner – die kommen alle aus kleinen Orten.

Was ist der Unterschied zu den so erfolgreichen Norwegern?

Schröcksnadel Dort wird Sport gelebt, bei uns nicht. Das fängt bei den Eltern an, es ist halt vielen zu mühsam, die Kinder zum Fußball, auf die Pisten oder sonst wohin zu bringen. Das ist Arbeit, Aufwand. Wir sind ein bequemes Land geworden.

Kommen die Förderungen im Sport richtig an?

Schröcksnadel Wenn ich höre, dass man Jeanine Flock vier Monate vor Olympia einen Physiotherapeuten organisieren muss, dann muss ich sagen: Den braucht sie doch das ganze Jahr! Da ist schon bei uns nicht alles ausgewogen organisiert. Ich bin für die neue Struktur, die neue Sport Gmbh, auch wenn man sicher nachschärfen kann. Aber im Beirat sitzen alle drin, die was zu sagen haben. Man muss aber auch Ziele definieren. Wenn ich Medaillen haben will, dann muss ich es so formulieren. Will ich den Breitensport fördern, muss ich das auch sagen. Nur hinterher jammern und schimpfen, wenn es keine Medaillen gibt, geht nicht. Nehmen wir unsere Geschichte her . . .

Welche?

Schröcksnadel Den Skiverband. Ein Beispiel: Wir müssen auch diese tolle Kombinierer-Mannschaft querfinanzieren. Das geschieht alles mit Einnahmen der Alpinen und der Springer, wir subventionieren uns selbst quer. Wir kriegen nicht viel: 500.000 Euro Grundförderung, gleich viel wie Handball, wir kriegen 800.000 Euro für Wissenschaft und Forschung, geben aber 4,5 Millionen dafür aus. Und wir geben für jede Sparte zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro aus. Das wird alles von den Alpinen und Skispringen finanziert, nicht über öffentliche Mittel!

Der Verband hat im Moment etwas mehr als 62 Millionen Euro Budget – und sie sagen wirklich, dass nur 2,8 aus Fördergeldern kommen?

Schröcksnadel Nicht einmal das, weil 400.000 Euro für die Behinderten sind und noch einmal etwas für Schulen in Saalfelden. Das sind bei uns ja nur Durchlaufposten, wir überweisen das sofort weiter, das Geld gehört nicht uns. Wir bekommen 1,8 Millionen plus 400.000 Erfolgsförderung, mehr nicht.

Dabei gelten Sie als der Mann, der alle Geldquellen für den ÖSV anzapft.

Schröcksnadel Meine Person ist scheißegal. Ich werde die Zahlen offenlegen, damit die Diskussion vorbei ist. Punkt ist: Uns als Skiverband sind alle den Erfolg neidig. Die freuen sich, wenn wir verlieren. In den USA oder Norwegen ist das anders, da freuen sich die Leute. Aber wir haben auch andere Zeiten gehabt.

Nämlich?

Schröcksnadel Als ich das Präsidentenamt übernommen habe, da durften wir in manche Orte gar nicht mehr zum Training fahren, weil die Hotelrechnungen vom Vorjahr noch offen waren. Es fehlten die finanziellen Mittel. Wenn man in Österreich Erfolg hat, wird man dafür beneidet und geknüppelt.

Dann haben wir aber zu wenig Erfolgreiche, wenn Sie als Lieblingsopfer bleiben?

Schröcksnadel Das würde ich so sagen, ja! Aber ich weiß genau, dass Dankbarkeit keine Kategorie ist.

Man hört im Alpinbereich von Gesprächen mit Trainern, die aktuell im Ausland arbeiten. Worauf dürfen wir uns einstellen?

Schröcksnadel Das alles werden wir uns im Frühjahr anschauen. Aber wir sind eigentlich gut aufgestellt bei den Alpinen. Die Damenmannschaft ist halt noch jung, aber die hat viel Potenzial.

Tut das Nein zu Olympia in Innsbruck eigentlich weh?

Schröcksnadel Ich war für Olympia, aber in Tirol eingeschränkt. Man muss sich überlegen, was Olympia dem Sport bringt. Was hat der Sport davon, wenn ich nur die alten Sportstätten adaptiere? Früher waren es ja genau die Sportstätten, die geblieben sind. Natürlich, der Olympia-Bewerber spart Geld, der Steuerzahler spart Geld, aber was hat der Sport davon?

Halten Sie eine Olympia-Bewerbung für Graz und Schladming für sinnvoll?

Schröcksnadel Ich halte es dann für sinnvoll, wenn es mit den Sportstätten passt. Und wenn Verbände und Vereine von Beginn an eingebunden sind und man ihnen klar machen kann, was sie letztlich davon haben. Dass der Tourismus profitiert, ist keine Frage, aber noch einmal: Wie profitiert der Sport?

Im Moment gibt es nur das Bekenntnis, dass alles nichts kosten darf.

Schröcksnadel Das geht aber nicht! Man wird gewisse Investitionen machen müssen. Und man kann die Bevölkerung nicht für dumm verkaufen, die wissen, was es braucht.

Wie nehmen Sie die Kritik am „Altherren-Verein“ ÖSV auf?

Schröcksnadel Es heißt ja nicht, dass das Alter schlecht sein muss und die Jugend immer gut. Nicht alle Jungen sind gescheit und die Alten dumm. Es muss eine gute Mischung sein. Wir sind nicht hierarchisch aufgebaut, überhaupt nicht.

Wie bitte? Jeder weiß, dass Ihr Wort im Skisport Gesetz ist …

Schröcksnadel Nur aufgrund der Position, die ich mir erarbeitet habe, nicht aufgrund der Macht, die ich vom Verband bekomme. Die Macht hat die Präsidentenkonferenz und das Präsidium. Und ich kann nicht einmal abstimmen.

Da stellen Sie Ihr Licht aber kräftig unter den Scheffel!

Schröcksnadel Ich habe in 30 Jahren keine Statuten gebraucht. Warum? Weil ich immer Lösungen gebracht habe. Darum geht es. Jede Firma lebt von einem guten Chef. Das hat nichts mit Hierarchie oder Macht zu tun. Früher war es im Verband so, dass es eine Rennsportkommission gab. Da war niemand schuld, wenn es schlecht war, aber alle verantwortlich, wenn es gut war. So funktioniert das halt nicht. Da muss einer vorausgehen mit der Fahne, wie früher bei den Rittern. Das tue ich.

War es Balsam auf Ihre Wunden, dass es bei den Spielen so viel Lob von Athleten gab?

Schröcksnadel Die einzige Kritik und das einzige Lob, das ich akzeptiere, ist das von den eigenen Leuten im Verband. Die Athleten, Trainer, Funktionäre. Alles andere interessiert mich nicht. Solange die sagen, der Job ist gut gemacht, freut mich das.

„Uns als Skiverband sind alle den Erfolg neidig. Die freuen sich, wenn wir verlieren.“