Das Drama nach Kilometer 20

Sport / 25.02.2018 • 18:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Teresa Stadlober verlor die Orientierung und so am Ende auch eine Olympiamedaille.Gepa
Teresa Stadlober verlor die Orientierung und so am Ende auch eine Olympiamedaille.Gepa

Die Straße zum Erfolg nahm eine falsche Abzweigung.

Langlauf Teresa Stadlober war auf dem Weg dorthin, wo noch nie eine Frau aus Österreich war. Auf dem Weg auf das Podest eines olympischen Langlaufbewerbs zu laufen. Und nicht irgendeines Bewerbs, sondern der Königsdisziplin, dem 30-Kilometer-klassisch-Marathon. Gut, die Königin des Sports, die war schon weit weg, gegen Marit Björgen, die an diesem Tag souverän zu ihrer achten olympischen Goldmedaille unterwegs war.

Aber dahinter, da schickte sich die Salzburgerin an, zur Kronprinzessin zu werden. Rund zehn Kilometer vor dem Ziel setzte sie sich gerade von den zwei finnischen Langläuferinnen ab, die mit ihr die erste Verfolgergruppe bildeten, als die sportliche Tragödie – und das ist wohl einer der wenigen Fälle, in dem man von einer Tragödie sprechen darf – ihren Ausgang nahm. Es war ein Drama mit zwei Schauplätzen: Jenem auf der Loipe und einem hinter dem Mikrofon der ORF-Übertragung, wo Teresas Vater Alois Stadlober saß.

Um eine weitere Plattitüde zu verwenden: Es war eine Hochschaubahn der Emotionen, die sich abspielte. Zunächst der Gipfel, als Teresa Stadlober auf einmal alleine im TV-Bild auftauchte (Stark ist sie“, freute sich der Papa), ein Hoch, das sich innerhalb kürzester Zeit in eine tiefe Depression verwandelte. Denn bald war klar, dass die Radstädterin die falsche Ausfahrt genommen hatte. Und während Alois vor dem Mikrofon zwischen Zorn, Verzweiflung und Ratlosigkeit schwankte („Sch . . . Verdammte Hütt’n noch einmal, wo ist sie hingelaufen, hattigatti, Mein Gott, na . . .“, die Aufzeichnung dieser Minute wird sicher zum Youtube-Hit), verlor seine Tochter ganz den Faden. Wenig überraschend. „Sinnlos, vorbei. Na, des wuit da Herrgott net“, sagte der Papa Stadlober. Und die Tochter quälte sich ins Ziel, verlor in ihrem Tunnel der Verzweiflung noch einmal die Orientierung. Am Ende gab es trotz des Umweges Platz neun. Statistisch gesehen die 51. Top-Zehn-Platzierung für Österreich bei diesen Spielen, faktisch eben die sportliche Tragödie aus österreichischer Sicht. „Ich bin leider auf die falsche Runde gelaufen“, meinte Stadlober, viele Minuten nach ihrem Rennen wieder gefasst, „aber wenn ich nach 15 Tagen nicht weiß, wie die Loipe geht … Ich verstehe es nicht“, sagte sie und versuchte tapfer zu bleiben.

Stadlober war nicht zu bremsen

„Ich war körperlich so gut drauf, ich habe mich selbst gar nicht bremsen können, Ich wollte gar keine Attacke setzen, habe gar nicht gemerkt, dass die Finninnen solche Probleme haben“, sagte die 25-Jährige. Sie wusste: Es war ein Sterntag. „Ich habe es bald gemerkt, schon beim Rauflaufen. Scheiße. Die Serviceleute haben sich so reingehaut, die Ski waren so gut. Und ich hätte auch die Kraft gehabt“, erklärte sie. Wozu die Kraft wirklich gereicht hätte, wird man nie wissen. Aber die Silbermedaille, die war an diesem Tag zum Greifen nahe, etwas mehr als neun Kilometer vor dem Ziel. Der Griff ging ins Leere, der Sterntag wurde zum Horrorszenario. „Bitter, dass das genau bei so einem Rennen passiert, wo alles gepasst hätte. Einfach dumm“, murmelte Stadlober noch. Und: „Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.“ Innerlich war ihr dabei jedenfalls zum Heulen zumute.

Der Trost, es an diesem Tag ein weiteres Mal bewiesen zu haben, dass Österreich endgültig eine Langläuferin von Weltformat hat, die nun auch schon Medaillen erlaufen kann, wird gering sein. Der Trost des Herren Papa war hoffentlich hilfreicher. M. Schuen