Reife Liebe

Vorarlberg / 27.02.2018 • 18:28 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sie sind froh, dass sie einander haben: Gertrud König und Heinz Hebding.
Sie sind froh, dass sie einander haben: Gertrud König und Heinz Hebding.

Das Paar lernte sich im Seniorenhaus Hasenfeld kennen.

Lustenau Leise tritt Heinz Hebding (80) an ihr Bett. Als Gertrud König (91) ihn bemerkt und die Augen öffnet, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. „Guten Morgen, Schätzle“, murmelt Gertrud König (91) im Halbschlaf. Heinz drückt ihr einen Kuss auf die Wange und wartet, bis sie richtig wach ist. Dann hilft er ihr aus dem Bett. Da Trude wackelig auf den Beinen ist, begleitet er sie ins Badezimmer. Danach schaltet der 80-Jährige den CD-Player ein. Wie immer läuft Hansi Hinterseer. „Ich will nur dich, nur dich …“ tönt es schnulzig aus dem Gerät. Zu dem Schlagersänger hat der Altersheimbewohner eine besondere Beziehung. Heinz, der einmal in Kitzbühel gelebt hat, sagt, dass „Hansi“ sein Freund ist. „Wir sind verwandt und zusammen Ski gefahren.“

„Ich bin ein Skistar“

Heinz lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Es gibt sogar Momente, da glaubt er, dass er immer noch ein Skistar ist. Jetzt aber, in diesem Augenblick, ist ihm klar, dass seine Skikarriere vorbei ist. Stolz erzählt er, dass er der beste Skirennläufer von Tirol gewesen sei. „Ich bin immer unter den ersten Drei gewesen.“ Auch den Grund für das abrupte Ende seiner Skikarriere weiß er noch. „Ich bin beim Rennen in Val’d’Isère gestürzt und mit 180 km/h gegen einen Baum geprallt.“ Das Altersheim ist schon seit 24 Jahren sein Zuhause. Seither sieht er es als seine Aufgabe an, besonders hilfsbedürftigen Mitbewohnern zu helfen. Als Gertrud König vor gut drei Jahren nach einem Oberschenkelhalsbruch ihr Zuhause aufgeben und ins Heim ziehen musste, war ihr Gesundheitszustand nicht der beste. Heinz erbarmte sich ihrer und unterstützte sie im Heimalltag. Ihr Schicksal rührte ihn an, weil sie wie er verwitwet ist.

Trude selbst ergab sich damals ihrem Schicksal. „Ich dachte mir: ,Der liebe Gott wird es schon richten. Und juhu, er hat‘s gerichtet. Heinz wurde mir zur Seite gestellt. Er ist ein Engel, unglaublich, wie der mich betreut“, sagt sie und lässt sich nach der Morgentoilette von ihm im Rollstuhl in den Frühstücksraum schieben. Die gläubige Frau sieht es als göttliche Fügung an, „dass wir uns kennengelernt haben“. Auch Heinz empfindet die schicksalhafte Begegnung im Café als Wunder. „Seit damals sind wir beieinander.“ Aus dem anfänglichen Mitleid wurde schnell Liebe. „Wir schmusen aber nicht die ganze Zeit herum.“ Trude und Heinz möchten dem Neid und der Missgunst keine Plattform bieten. „Aber ein bisschen küssen tun wir schon“, gibt Trude zu. Nach dem gemeinsamen Frühstück bringt Heinz seine Liebste in die Kapelle. Dort halten beide Andacht. Danach geht es ins Café, wo sie ein Stamperl Cognac trinken. Heinz lässt Trude nicht allein. Denn er weiß, dass sie Angst hat, wenn er nicht da ist. „Sie sieht nicht mehr gut“, versteht er ihre Angstgefühle. Trude vertraut ihrem Heinz blind. „Ich weiß, dass er mich nicht im Stich lässt. Er ist ein wunderbarer Mensch.“ Dieses Vertrauen kommt nicht von ungefähr. „Als ich nach dem Bruch bettlägerig war, kam er in den Nächten zu mir und hat mich zugedeckt und mich zur Toilette gebracht.“

„Ich kenne keine Angst“

Trude könnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. „Sollte Heinz vor mir sterben, dann gehe ich ihm gleich nach.“ Trude tätschelt ihrem Liebsten die Wange. „Aber ein paar Jährchen schaffen wir schon noch, gell Schatz!“ Heinz nickt und wirft ihr einen verliebten Blick zu. Er hofft, dass seine Trude noch lange lebt. Denn: „Ich habe mich so an sie gewöhnt.“ Insgeheim fürchtet er ihren Tod. Der eigene Tod hingegen schreckt ihn nicht. „Ich kenne keine Angst. Sonst hätte ich nicht mit 180 km/h steile Hänge hinunterfahren können.“

„Wir schmusen aber nicht die ganze Zeit herum.“