„Die Straße frisst deine Seele“

Vorarlberg / 28.02.2018 • 18:21 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das obdachlose Paar vor seiner notdürftigen Behausung. Hier leben die beiden seit mehreren Monaten.   VN/ Kuster
Das obdachlose Paar vor seiner notdürftigen Behausung. Hier leben die beiden seit mehreren Monaten.   VN/ Kuster

Obdachlose leiden besonders unter der Kälte. Ein Paar hat die eisigen Nächte mit leichten Erfrierungen überlebt.

Feldkirch Sie sehnen sich nach dem Sommer und seinen lauen Nächten. Dann können sie wieder in einer Wiese unter dem funkelnden Sternenhimmel schlafen. „Das hat was Romantisches“, findet Sarah* (39), die mit ihrem Freund Benedikt* (34) ins Caritas Café gekommen ist, um einen Tee zu trinken. Das Paar möchte aber nicht zu lange in der Suchthilfe- und Obdachlosen-Einrichtung der Caritas bleiben. Wegen der Wärme, die hier drinnen herrscht. „Danach tut uns die Kälte noch mehr weh“, begründen sie ihren schnellen Abgang.

Ein Verschlag ist ihr Zuhause

In den vergangenen vier Nächten taten die beiden wegen der klirrenden Kälte kein Auge zu. „Wir sind fast erfroren. Einer, der nicht so abgehärtet ist wie wir, hält das nicht aus“, meint Benedikt, bei dem die Eiseskälte Spuren hinterlassen hat. Seine Hände sind geschwollen und blau angelaufen. Das Paar hat keine Unterkunft, nicht einmal ein kleines Zimmer. Es lebt seit Monaten in einem Verschlag. Dort haben sie es wenigstens trocken. Wegen des eiskalten Windes ziehen sie das Gitter zu, und damit sie ein bisschen Privatsphäre haben. „Es zieht trotzdem“, bedauert Sarah.

Mit sieben Schlafsäcken und mehreren Decken schützen sie sich vor der Kälte. „Aber es ist trotzdem kalt“, klagt Sarah. Sie kuscheln sich immer ganz fest aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Benedikt glaubt, dass das der Grund ist, warum sie dem Kältetod bisher entgangen sind. Der Tod macht ihnen zwar weniger Angst als das Leben. Jämmerlich erfrieren wollen sie nun aber doch nicht. Wenn, dann möchten sie schon von eigener Hand sterben. Den letzten Schritt haben sie aber deshalb noch nicht gesetzt, weil beide Kinder haben. Auch der Traum von einem besseren Leben gibt ihnen die Kraft weiterzuleben. Es sind keine großen Träume, die Sarah und Benedikt hegen. Alles, was sie wollen, ist ein (warmes) Zimmer mit einer Kochgelegenheit. „Aber niemand will uns eine Unterkunft geben.“

Das Leben auf der Straße ist für das obdachlose Paar nur schwer auszuhalten. „Ohne Alkohol würden wir durchdrehen.“ Sarah und Benedikt ziehen sich die Kapuzen über den Kopf und verlassen die Einrichtung. Sie werden jetzt eine Weile durch die Stadt wandern und später im Interspar zum halben Preis eine Mahlzeit zu sich nehmen.

Bakir* (61), der das Café gerade betritt, träumt denselben Traum wie Sarah und Benedikt. Er sehnt sich nach einem Zimmer und nach ein bisschen Ruhe. An der Theke verlangt er nach einem Glas Wasser und einer Aspirin-Brausetablette. Der 61-jährige Mann ist stark erkältet. Sein Husten klingt besorgniserregend.

Seit Monaten ist der gebürtige Bosnier, der nicht mehr arbeitsfähig ist und an einer Persönlichkeitsstörung leidet, obdachlos. „Ich habe im Leben alles verloren. Ich habe keine Freunde, kein Geld und keinen Schlafplatz“, seufzt er und setzt sich zu seinem Bekannten Detlef* an den Tisch. Über die Not tröstet ihn einzig der Alkohol hinweg. „Zur moralischen Unterstützung“ trinkt er drei Liter Wein am Tag. Bakir kippt das Wasser mit der aufgelösten Grippetablette in einem Zug hinunter. Dann meint der unterstandslose Mann: „Es ist schwer, auf der Straße zu überleben, wenn man wie ich 40 Jahre ein normales Leben gelebt hat.“

Aber Bakir kämpft tapfer um sein Überleben. So gelingt es ihm fast immer, in Institutionen zu übernachten und sich untertags dort aufzuwärmen. Manchmal jedoch verjagt ihn die Polizei oder die Security. Darum zieht er von Stadt zu Stadt und sucht sich dauernd neue Schlafstätten. Um nicht zu verhungern, bettelt er hin und wieder. „Ich gehe zu Dönerbuden und bitte um ein Kebab. Häufig bekomme ich eines.“ Es kam aber auch schon vor, dass er mehr als drei Tage mit leerem Magen herumlief. Im Caritas Café wird er manchmal zum Mittagessen eingeladen. Meistens von Detlef, der gerade noch rechtzeitig vor der großen Kälte in der Notschlafstelle unterkam.

Lieber auf der Straße als im Knast

Bakir tut Detlef leid. Deshalb kümmert er sich um ihn. Er weiß, wie Bakir beziehungsweise ein Mensch sich fühlt, dessen „Zuhause“ die Straße ist. Denn auch er hatte zwei Wochen keine Bleibe und übernachtete am Güterbahnhof, nachdem ihn seine Freundin rausgeschmissen hatte. Der Leiharbeiter fühlte sich in diesen zwei Wochen wie „ein Aussätziger, der von der Gesellschaft ausgestoßen wurde“. Was die Straße mit einem macht, drückt Bakir so aus: „Sie frisst deine Seele.“ Aber nicht nur das. „Je länger du auf der Straße bist, desto wertloser fühlst du dich. Du fängst an, dich zu hassen.“ Dennoch zieht Bakir, der wegen Körperverletzung schon vier Mal im Gefängnis saß, die Straße dem Knast vor. „Freiheit ist das höchste Gut, das ein Mensch hat. Dafür verzichte ich gerne auf eine warme Unterkunft und regelmäßiges Essen.“

*Namen von der Redaktion geändert

„Ich verlor im Leben alles. Ich habe keine Freunde, kein Geld und keinen Schlafplatz.“