„Wir haben die Bergbauern-Mentalität“

VN / 21.02.2019 • 20:30 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel (l.) und FIS-Präsident Gian Franco Kasper (rechts) im Gespräch mit Susann Frank und Florian Madl von der Tiroler Tageszeitung. Böhm
ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel (l.) und FIS-Präsident Gian Franco Kasper (rechts) im Gespräch mit Susann Frank und Florian Madl von der Tiroler Tageszeitung. Böhm

Grün waren sich Gian Franco Kasper (75), Präsident des Ski-Weltverbands FIS, und Peter Schröcksnadel (77), Präsident des Österreichischen Skiverbands, nicht immer. Aber die Liebe zum Sport verbindet den Graubündner und den Tiroler.

Sie, Herr Schröcksnadel, trainieren regelmäßig. Sie, Herr Kasper, gelten als Kettenraucher.

Kasper: Gesundheitsbewusst bin ich auch. Ich muss rauchen, das ist wissenschaftlich bewiesen. Fragen Sie das Metzger: Welches Fleisch hält länger? Das geräucherte oder das frische?

Beide haben Sie viel Erfahrung. Und dennoch bringt Sie beide immer wieder etwas aus der Fassung. Etwa Sie, Herr Kasper, bei der WM-Eröffnungskonferenz. Es ging um Sex-Tourismus am nächsten Schauplatz des FIS-Kongress in Pattaya (Thailand).

Kasper: Nach der zehnten gleichen Frage in Bezug auf Pattaya war es zu viel. Es gab zu dem Thema in der FIS schließlich eine Abstimmung. Ich habe nicht überreagiert, das ist halb so schlimm.

Schröcksnadel: Ich war auch dagegegn, aber es gibt halt nicht viele Alternativen. Nationen müssen anbieten, das tat Thailand. Wir sind eine Demokratie in der FIS, so einfach ist das, das kann nicht der Präsident bestimmen.

Kasper: Dann dürfen wir auch nicht nach Hamburg gehen, die haben dort die Reeperbahn.

Schröcksnadel: Es gibt keinen Ort, an dem du nichts findest.

Kasper: Die FIS-Leute wollen immer Strand im Sommer. Bei zehn Kandidaten für einen Kongress kann ich immer sagen wer gewinnt: Der mit dem schönsten Strand.

Schröcksnadel: Wien hat keinen Beach, da will niemand hin.

Was macht einen Präsidenten aus? Gehört Emotionalität dazu?

Kasper: Das ist sicher anders in einem nationalen Verband als im internationalen. 132 Nationen müssen unter einen Hut, das ist wie ein Sack voll Flöhe, das verlangt diplomatisches Geschick. Man muss einen Konsens finden, da bin ich als typischer Schweizer kompromissbereit.

Viele Präsidenten sind aus der Schweiz, etwa Sepp Blatter (Anmerkung: Ex-Skandal-Präsident des Weltfußballverbandes FIFA).

Kasper: Mit Sepp Blatter dürfen sie mich nicht verwechseln…

Schröcksnadel: Ich bin der Sack mit den Flöhen. Ein FIS-Präsident muss versuchen auszugleichen, alle anderen können versuchen, ihre Interessen durch zu bringen. Ich versuche, Druck zu machen, verstehe aber auf der anderen Seite: Wenn einer verlangt, dass der Elfmeter von 9 Metern statt von elf geschossen wird – das geht nicht, man kann nicht dauernd die Regeln ändern, dann versteht keiner mehr den Sport. Das ist auch die Diskussion mit der alpinen Kombination: Will man die ersetzten durch City- oder Parallel-Event? Vor 15 Jahren wollte man den Super-G weghaben, dabei ist der die interessanteste Disziplin.

Kasper: Im Skisport ist es nicht wie in der Leichtathletik, wo wir Afrika und den Rest der Welt haben: Im Grunde genommen sind wir alle Bergbauern von der Mentalität, die Bergbauern-Mentalität haben wir alle, egal ob aus der Monogolei oder Südafrika. Bei uns sind die großen Skandale kaum vorhanden. Nach einer Meinungsverschiedenheit geht man ein Bier trinken und die Sache ist erledigt.

Schröcksnadel: Untereinander vertragen sich alle.

2009, als Peter Schröcksnadel den Europäischen Skiverband gründete, war die Balance im Kippen. Sie mögen sich?

Kasper: Klar. Und eine Kontroverse war es nicht, er wollte einen Gegenpol und Druck machen, das ist ihm nicht gelungen.

Schröcksnadel (lacht): Da hab ich mich lieber wieder integriert. Aber ich sage nach wie vor: Eine 2. Liga in Europa unter der FIS wäre wünschenswert. Man müsste darüber schon einmal wieder nachdenken, das würde dem Sport helfen, weil das nach unten mehr Gefühl gibt.

Spielen nationale Befindlichkeiten eine Rolle?

Kasper: Ganz klar, das ist ja Aufgabe der nationalen Verbände. Wir sind nicht sauer, jeder muss auf sich schauen.

Schröcksnadel: Darum gibt es so viele Langlauf-Disziplinen. Die Norweger sind natürlich dominant, das ist schwer zu ändern.

Sie wollen beide noch eine Zeit im Amt bleiben?

Kasper: Ich wurde letztes Jahr für vier Jahre gewählt, behalte mir aber vor, zur Halbzeit zurückzutreten. Ich werde mich im Herbst dieses Jahres entscheiden. Wenn ich Lust habe, sehe, wie die Sache läuft. Irgendwann darf ich auch einen Tag frei haben.

Schröcksnadel: Bei mir ist es eine andere Situation. Der ÖSV ist eine andere Managementaufgabe, wir sind national gut aufgestellt und wollen Rennen gewinnen. Ich bin am Überlegen: Wie mache ich den Übergang? Wir haben ein sehr gutes System, ich habe Fulltime ohne Geld gearbeitet, so einen werden wir aber nicht mehr finden. Also muss man sich überlegen, wie man die Struktur verändern kann.

Sind auch Sie eingebunden in die Nachfolgefrage?

Kasper: Wenn ich will, ja, aber das will ich nicht, das sollen die anderen entscheiden. Es gibt drei, vier, die in Frage kommen. Als sich Alexander der Große zurückgezogen hat, haben die Fürsten Krieg geführt, das wollen wir vermeiden.

Was schätzen sie aneinander?

Schröcksnadel: Wir haben eine Diskussionskultur.

Kasper: Und wir beide lieben den Skisport, das ist die Basis.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit? Peter Schröcksnadel gilt als Sturschädel.

Kasper: Natürlich ist er das und das ist gut so, das muss er sein. Aber er liebt den Sport genauso wie ich.

Und Sie, Herr Schröcksnadel?

Schröcksnadel: Was ich am Anfang nicht geschätzt habe, schätze ich heute mehr. Ich habe nie verstanden: Warum verändert man nicht schnell etwas? Heute weiß ich, dass Schnellschüsse oft nach hinten losgehen. Und wenn man wartet, kommt oft ganz was anderes raus. Und je mehr man Regeln verändert, umso undurchsichtiger wird es für den Konsumenten. Und da ist das Skispringen für mich im Moment ein furchtbares Chaos.

Wie geht es mit Winter-Olympia weiter?

Kasper: Wir sind froh, dass wir für 2026 zwei sehr gute Kandidaten haben (Stockholm gegen Cortina/Mailand). Langfristig muss uns klar sein, dass wir nicht in den Gigantismus hineinfallen, denn dann finden wir keinen mehr. Wir müssen keine Sportarten ausschalten, aber wir hatten zuletzt beim FIS-Kongress 15 Anträge auf weitere Bewerbe, das würde die Olympischen Spiele verdoppeln, da müssen wir aufpassen.

Wie enttäuscht waren Sie im Fall der gescheiterten Bewerbung Innsbrucks?

Kasper: Heutzutage ist es fast nicht möglich, dass Volk langfristig dazuzubringen oder zu überzeugen. Meine Heimatgemeinde St. Moritz stimmte während der Ski-WM ab – und 57 Prozent nein.

Schröcksnadel: Die Leute sind satt. ’64, ’76 – das war noch was, in der Zwischenzeit ist aber der Lebensstandard hoch, das brauchst du nicht mehr. Deshalb geht  an wo hin, wo der Standard nicht so hoch ist und gehoben werden kann. Wenn ich in Vill meine Villa habe, brauche ich den Verkehr nicht zum Patscherkofel. Die Spiele braucht es nicht mehr.

Kasper: Liechtenstein wollte Tour de Ski, ein Sprint-Event in der Stadt. Es ging um einen Tag und man stimmte mit 60 Prozent nein, das sagt alles.

Schröcksnadel: Wir hatten in Seefeld ein Infoveranstaltung zur WM. Die Fragen in zwei Stunden: Wann kann ich wie wohin? Darf ich am Donnerstagabend von zuhause da oder dorthin?

Kasper: In St. Moritz hieß es: Ihr nehmt die Bratwürste von Konkurrenten, nicht von mir.

Warum müssen Eröffnungsfeiern opulent sein?

Kasper: TV-Stationen wollen das und die Feiern haben die größten Einschaltquoten, da ist der 100-m-Lauf nichts dagegen.

Schröcksnadel: Wenn es heißt, die WM in Lahti war billig und Seefeld nicht, hat das einen einfachen Grund: Gemeinde und Land wollen das Land herzeigen, das sind zwei Philosophien. Ich persönlich kann auch mit dem alten Bahnhof leben.

Kasper: Die Veranstalter machen die WM nicht wegen unserer blauen Augen, die wollen sich langfristig verkaufen. Wir sind eine Tourismus-Werbeagentur, nichts anderes, ein Weltcup ist ein Werbeprodukt.

Wie stehen Sie zu Russland, das im Dopingbann steht?

Kasper: Ich hoffe, dass auf intenationalem Weg eine Lösung gefunden wird. Ich war immer für harte Sanktionen gegen jeden der schuldig ist, aber man kann einen Russen nicht disqualifizieren, weil er einen russischen Pass hat, und diese Tendenz hatten wir. Es gibt noch Fälle, die sind vor Gericht, die müssen abgearbeitet werden und das ist für die Medien interessant, aber in der Praxis ist das mehr oder weniger gelaufen.

Schröcksnadel: Wir waren in der selben Situation wie die Russen, und bis auf zwei Fälle  waren alle unschuldig. Aber du bis zwei, drei Jahre angepatzt. Und dann kommen zwei Notizen in der Zeitung, dass das nicht war, die Vorverurteilung stört mich. Und beim Dürr ärgert mich: Wir haben ihn gesperrt, musst ihn im Verband wieder aufnehmen, aber der bekommt von mir gar nichts mehr. Nach der Turin-Geschichte will ich so was nicht haben. Jetzt werden wir angepatzt wegen dem Dürr, weil wir ihn nicht mehr wollen.

Kasper: Für uns hat er die Sperre abgesessen, damit ist das erledigt.

Zum Thema Alter: Man bekommt viel Erfahrung, andererseits wird die junge Garde gefordert.

Kasper: Das Ideale in jedem Gremium ist die Mischung. Nur alte Kreuzer wie wir braucht es nicht. Aber ein Alterslimit oder ein Amtsperiodenlimit bringt nichts.

Ein Plädoyer für mehr Hierarchie?

Kasper: Die alten Römer und Griechen hatten einen Weisenrat. Viele Sachen, die passieren, da sage ich: Das hatten wir schon, ein Junger würde vielleicht ein Theater draus machen.

Schröcksnadel: Es gibt einen Jungen und einen Alten, der gut ist. In China hat das Alter eine gewisse Bedeutung, dort ist man ein weiser Mann, hier sind wir die alten Trotteln.

Kasper (lacht): Also sind wir die alten Trotteln?

Schröcksnadel: Ja, aber in China nicht. Da ist Respekt da, da weiß man: Der weiß was, da ist eine unterschiedliche Kultur. Solange du noch hell im Kopf, spielt Alter eine untergeordnete Rolle.

Kasper: Du musst dich immer der Zeit anpassen, man adaptiert sich automatisch. Auch Peter hat jetzt ein Smartphone, kein altes Handy mehr…

Schröcksnadel: Aber ich brauch‘ keine 50 Witze über WhatsApp am Tag. Kinder vertrotteln mit 10 Stunden täglich am Handy, das ist eine falsche Entwicklung.

Kasper: Die E-Games werden schön, da muss man wenigstens nicht in die Natur (lacht). Nein, natürlich nicht.

Schröcksnadel: Ich bin dafür, du kannst die Jugend mit den Games abrufen. Wir könnten für den Sport viel Geld lukrieren und die Verbände hängen nicht mehr am Tropf vom Staat. E-Games kommen, ob wir das wollen oder nicht. Dann ist es mir lieber, sie sind auf unserer Seite als nicht.

Kasper: Couch-Potatoes haben wir genügend, das ist nichts gegen E-Games. Nur weil es Geld bringt, müssen wir das nicht haben. Bei uns waren es immer so: Geld für den Sport, nicht Geld aus dem Sport.

Das Doppel-Interview führten Susann Frank und Florian Madl/Tiroler Tageszeitung