Die gestörte Aufführung

Kultur / 24.02.2019 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Stück "Nacht ohne Sterne" von Bernhard Studlar steht bis  23. März auf dem Spielplan des Theaters Kosmos. VN/Paulitsch
Das Stück „Nacht ohne Sterne“ von Bernhard Studlar steht bis 23. März auf dem Spielplan des Theaters Kosmos. VN/Paulitsch

Kosmos zeigt mit „Nacht ohne Sterne“ was Theater leisten kann

Christa Dietrich

Bregenz „Wie gefällt euch unsere Zeit?“, eine Frage, die Ödön von Horváth stellte, während er mit seinen berühmt gewordenen Stücken auf die soziale Ungerechtigkeit und Kälte verwies, hat das Theater Kosmos zum Motto der Spielzeit erhoben. Nach einem ersten Anlauf mit einer Uraufführung des Vorarlbergers David Baldessari über das Geschichtenerzählen selbst im Kosmodrom, wurde die Saison am Samstagabend auf der großen Bühne gestartet. Auf dieser erfuhr sich das Publikum gleich einmal ins Zentrum verfrachtet, denn Bühnenbildner Stefan Pfeistlinger ließ ein Baugerüst errichten, das sich als Spielpodium mit mehreren Ebenen über alle vier Wände zieht.

Eine hervorragende Idee, denn „Nacht ohne Sterne“, das im Vorjahr in Bratislava uraufgeführte Stück des Wiener Schriftstellers Bernhard Studlar (geb. 1972), erinnert formal an Schnitzlers berühmten „Reigen“. Zwei Personen spielen jeweils eine Szene, eine geht weg und trifft in der nächsten eine weitere Person. Das verbindende Element ist allerdings nicht die Libido, die die Mitwirkenden in Fordernde, Erduldende, Eitle etc. einteilt, in „Nacht ohne Sterne“ treten neben einem Engel, dem Tod und der Freiheitsstatue, die für poesie- oder humorvolle Überhöhung sowie für Suspense sorgen, eine Kindergärtnerin, eine Mutter, ein Vater, eine Ärztin, ein Patient, ein Kredithai oder ein Barmann auf. Man erfährt es umgehend, die handelnden Personen befinden sich in Bedrängnis. Und die besteht nicht nur darin, dass ausgerechnet ein junger Vater von Arbeitslosigkeit betroffen ist oder eine Ärztin kaum Anerkennung findet, die Reflexion erhält im Alltag kaum noch Raum.

Parallelen zu Horváth

Wer sich etwa Horváths Stück „Glaube Liebe Hoffnung“ in Erinnerung ruft, erkennt die Arbeitsweise Studlars, der offenbar die Übertragbarkeit dieses „Totentanzes in fünf Bildern“ aus den 1930er-Jahren in die Gegenwart überprüft hat und dabei klare, an sich erschreckende Parallelen, herausarbeitet. Selbst wenn man es als zu aufgesetzt erachten würde, dass ein Rechtspopulist die Aufführung stört, den Autor als „Schreiberling“ diffamiert und ein „Ausmisten“ fordert, bringt Studlar hier Themen auf den Punkt, die auf den Nägeln brennen.

Und was macht Regisseur Hubert Dragaschnig? Er engagierte ein Team, das jeden Satz mit großer Genauigkeit analysiert hat. Das gilt für Manuela Spänle, wie für Bernd Sracnik oder für Selina Ströbele und Theresia Wegmann. Man vermutet fast den Ausgang jeder dieser Szenen und verfolgt sie mit großer Spannung, kommt den Menschen auf diesem Gerüst nahe und findet sich diesbezüglich im Publikum in spürbar guter Gesellschaft. Was Theater leisten kann, hat sich ganz ohne Pathos bestätigt. Gut, dass sich das Theater Kosmos die österreichische Erstaufführung sichern konnte, die das Publikum mit viel Applaus aufnahm. Nicht verwunderlich ist es, dass das Schauspiel Leipzig das Stück demnächst auf dem Spielplan hat.