Britischer Jungunternehmer verspricht Minifusionsreaktor

VN / 02.03.2019 • 10:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der britische Jungunternehmer Richard Dinan will den Fusionsreaktor ITER, der momentan in Südfrankreich gebaut wird, für Weltraumzwecke miniaturisieren. AFP
Der britische Jungunternehmer Richard Dinan will den Fusionsreaktor ITER, der momentan in Südfrankreich gebaut wird, für Weltraumzwecke miniaturisieren. AFP

Raumfahrt extrem mit schnellen Protonen

Nun hat alle Not ein Ende, grenzenlose Energie für alle! Der 32-jährige britische Fernsehstar Richard Dinan verspricht, mit seiner Firma „Applied fusion“ nicht nur eine saubere Energiequelle für den Haushalt, sondern sogar einen revolutionären Raketenantrieb, der einen wirklich schnellen Flug zum Mars ermöglicht – nicht den „luamsüdrigen“, den die NASA vorhat. Wie das gehen soll? „Applied fusion“, also „angewandte Fusion“ heißt das Zauberwort.

Reality-Show

Gemeint ist, ja genau, die Kernfusion, über die ich mich vor ein paar Wochen an dieser Stelle so skeptisch geäußert hatte … mea culpa! Ich hätte mich halt besser informieren – und britisches Fernsehen schauen sollen, dort ist Mr. Dinan immerhin schon in einer Reality-Show aufgetreten. Er betreibt auch mehrere Firmen, z. B. hat er ein Armband erfunden, das einem automatisch die Zimmertür im Hotel öffnet. Technologische Expertise ist also vorhanden, da kann nicht mehr viel schiefgehen … Mr. Dinan will den Fusionsreaktor ITER, der momentan in Südfrankreich gebaut wird, für Weltraumzwecke miniaturisieren und zwar bis 2022! Das ist auch bitter nötig, denn ITER wiegt zigtausend Tonnen und dient, das muss man zugeben, immer noch der Grundlagenforschung; nicht einmal die Betreiber behaupten, dass der Reaktor jemals auch nur ein einziges Watt ins Stromnetz speisen wird. Und eben: Kleinere Reaktoren zu entwickeln, meint Mr. Dinan, sei dann Aufgabe der privaten Unternehmen – ich entnehme diese Angaben einem „Kurier“-Artikel vom 23. Februar. Die Seite ist überschrieben mit „Technology News“, also muss es wohl stimmen; wenn es englisch ist, meint man es ernst … jetzt bin ich einen Zentimeter vom Thema abgekommen. – Leute, die sich ein bisschen auskennen, werden einwenden, dass ein Fusionsreaktor ein Wasserkocher ist; aus der Hitze macht man dann Strom. Dinan will diesen Umweg nicht gehen, er plädiert dafür, „Fusionsprodukte“ oder eventuell „schnelle Protonen“ aus dem Reaktor auszustoßen. Leider sagt er nicht, wie genau das gehen soll, denn den Reaktor müsste man dann aufmachen, wodurch das Magnetfeld zusammenbrechen würde – aber lassen wir das!

Mediale Überzeugung

Alle diese Begriffe sind bloßes Wortgeklingel. Mr. Dinan kann behaupten und glauben, was er mag. Das ist nicht das Problem. – Das Problem ist die mediale Überzeugung, dass ein fescher Mensch aus gutem Hause Aufgaben lösen wird, an denen ganze Heerscharen von Wissenschaftlern und Ingenieuren seit siebzig Jahren herumknobeln! Bis 2022 – auf Grund welcher Eigenschaften soll ihm das gelingen? Aussehen, Jugend, Mittun beim Reality-TV? Oder weil er mit sechzehn die Schule angebrochen hat? Warum wandelt er eigentlich nicht gleich auf dem Wasser? Dann würden wir uns das ganze Gefasel über „applied fusion“ und „schnelle Protonen“ ersparen. (von Christian Mähr)