Wie Wacker über den Großen Teich kam

Kultur / 30.03.2019 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der  aus Vorarlberg stammende Kunsthistoriker Tobias Natter hat die Ausstellung "The Self-Portrait" in der Neuen Galerie in New York kuratiert. Neue Galerie, ARS, Stadt Bregenz
Der aus Vorarlberg stammende Kunsthistoriker Tobias Natter hat die Ausstellung „The Self-Portrait“ in der Neuen Galerie in New York kuratiert. Neue Galerie, ARS, Stadt Bregenz

Die umfangreiche Ausstellung „The Self-Portrait“ von Tobias Natter in New York hat mehrere Österreich-Bezüge.

Christa Dietrich

New York, Bregenz Dass es Rudolf Wacker (1893–1939), der aus Bregenz stammte, sich als Studierender unter anderem in Berlin und Weimar aufhielt, sozusagen bis nach Venedig schaffte, wo er 1934 auf der Biennale präsent war, ist vielen nicht so recht bekannt. Frühverstorben blieb ihm die gebührende Anerkennung versagt und auch die Nachwelt brauchte lange, bis die Einreihung unter die namhaften Vertreter der Neuen Sachlichkeit (wie Otto Dix) oder überhaupt der Kunst des 20. Jahrhunderts (wie Oskar Kokoschka) vorgenommen wurde. Das Versäumnis wirkt nach. Der Bregenzer Kunsthistoriker Rudolf Sagmeister hat viel für Wacker und weitere Verkannte in ihrer Zeit unternommen. Er bringt nun etwa den Dornbirner Edmund Kalb (1900–1952) in wenigen Wochen ins Leopold Museum in Wien, konfrontiert seine Selbstporträts mit jenen von Egon Schiele.

Tobias Natter, der aus Vorarlberg stammende, mittlerweile freischaffende Kunstexperte und frühere Direktor dieses Hauses im Wiener Museumsquartier, holte eines der besten Selbstporträts von Rudolf Wacker nun nach New York. Schauplatz der Ausstellung „The Self-Portrait – From Schiele To Beckmann“ ist die Neue Galerie, mit der Ronald S. Lauder einen Ort für die Kunst geschaffen hat, in der besonders die Österreicher eine große Rolle spielen und Beachtung finden.

Für Natter war es eine Selbstverständlichkeit, sich um das Wacker-Porträt aus dem Jahr 1927 zu bemühen. Der Klimt- und Schiele-Kenner, der umfangreiche Werkverzeichnisse der Heroen der Kunst nach der Jahrhundertwende verfasste, erwähnt zudem, dass die Erarbeitung eines Wacker-Werkverzeichnisses höchst an der Zeit wäre. Er sei als Künstler wie als politisch interessierte, hellhörige Persönlichkeit interessant.

Selbstbild und Schicksal

Auch wenn es augenscheinlich und ob der Präsenz zahlreicher Schiele-Arbeiten in dieser Ausstellung um die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild, mit der Frage nach der Positionierung im Umfeld oder um den erfahrenden Schmerz oder den Blick in die eigene Seele geht, so zeichnet „The Self-Portrait“ doch auch Schicksale nach. In einem großen Ausstellungshaus, in dem sich die berühmte „Goldene Adele“ von Klimt befindet, die einen für das Nachkriegs-Österreich beschämenden Nazi-Raubkunst-Fall bezeugt, fällt der Fokus rasch auf die Geschichte hinter den Bildern. Max Beckmann ist aus Deutschland emigriert und konfrontiert den Betrachter mit einer Vielschichtigkeit im Ausdruck, Felix Nussbaum konnte einer Gefangenschaft durch die Nazis entkommen, malt erschreckende Bilder, wurde denunziert und als Jude in Auschwitz ermordet. Otto Dix zog sich an den Bodensee zurück, Rudolf Wacker erlitt nach der Hausdurchsuchung durch die Gestapo einen Herzanfall, an dessen Folgen er starb, die Arbeiten von Oskar Kokoschka wurden als entartet diffamiert, er emigrierte nach England und lebte lange Zeit in der Schweiz.

Starke Frauen

Die Geschichte des Selbstporträts führt, wie Tobias Natter anhand von Leihgaben zu zeigen vermochte, zurück in die Renaissance. Albrecht Dürer hinterließ die ersten weithin bekannten Beispiele. Rembrandt hat uns viele Zeugnisse seiner unterschiedlichen Stimmungen hinterlassen. Künstlerinnen durften erst später auf den Plan treten. Mit Käthe Kolwitz (1867–1945) und vor allem mit Paula Modersohn-Becker (1876–1907) hat Tobias Natter frühe Zeugnisse der intensiven Beschäftigung mit dem eigenen Ich in die Ausstellung aufgenommen. Dass sich Modersohn-Becker einmal nahezu nackt zeigt, war zu ihrer Zeit wohl eine Ungeheuerlichkeit. Einer großen Selbstporträt-Schau, die von einem umfangreichen Katalogbuch begleitet wird, hätte ohne die Aufnahme dieser Arbeiten etwas gefehlt. Schön, das ist somit nicht passiert.

Die Ausstellung ist bis 24. Juni in der Neuen Galerie in New York (1048 Fifth Avenue, at 86th Street) geöffnet. Das Katalogbuch ist im Verlag Prestel erschienen.