Vorarlbergs Kampf gegen die Sommerzeit

VN / 26.04.2019 • 08:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Moritz Moser

Wir stehen, wenn man es glauben kann, wieder einmal vor der Abschaffung der Sommerzeit. Erstmals war sie in Österreich 1916 während des Ersten Weltkriegs eingeführt worden, aus demselben Grund wie später: um Energie zu sparen. Die Sommerzeit war als Kriegsmaßnahme nach 1918 entsprechend unbeliebt. Das galt insbesondere für Vorarlberg, wo die Sonne ohnehin knapp eine halbe Stunde später untergeht als in Ostösterreich. Dennoch wollte die Staatsregierung 1919 die Zeitumstellung beibehalten. Man erhoffte sich dadurch in Wien, Brennmittel sparen zu können, denn „gerade die Städte brauchen in den Abendstunden viel Kohle“, wie es in der „Wiener Zeitung“ hieß. Am 24. April beschäftigte sich die Landesversammlung in Bregenz mit dem Problem. Wien verlangte die Zeitumstellung ab 28. April, gleichzeitig übermittelte das Land Kärnten seinen Protest dagegen. Gegen die Sommerzeit traten vor allem die Bauern auf, da sie so noch öfter im Dunkeln aufstehen und bei Sonnenschein ins Bett gehen mussten. Außerdem hatten die Deutschen auf die Weiterführung verzichtet und auch die Schweiz und Liechtenstein blieben bei der Normalzeit. Vorarlberg hätte also für mehrere Monate das Dasein einer österreichischen Zeithalbinsel in Westeuropa gefristet. In der Landesversammlung wurde daher beantragt, die Landesregierung solle „bei der Staatsregierung in Wien energische Vorstellungen“ gegen die Maßnahme machen. Eine Intervention des Landes war aber nicht mehr notwendig. Die Interessenvertretung Vorarlbergs in Person von Vizekanzler Jodok Fink arbeitete unabhängig davon gegen den Beschluss der Staatsregierung. Schon einen Tag später, am 25. April 1919, telegraphierte dieser nach Bregenz: „Sommerzeit ist umgebracht. Fink“

Erneuter Versuch

Nur drei Tage vor der geplanten Zeitumstellung hatte die Staatsregierung ihren Beschluss wieder zurückgenommen. Es sei der Wunsch der Bevölkerung gewesen, so schrieb die „Wiener Zeitung“, „zu dem normalen Friedenszustande zurückzukommen“. Ein Jahr später wurde allerdings ein erneuter Versuch unternommen, die Sommerzeit durchzusetzen. Diesmal streikte allerdings das Land Salzburg und weigerte sich, die Uhren umzustellen. Die so kurzfristig geschaffene Salzburger Zeitzone kann man wohl als Gipfelpunkt des österreichischen Föderalismus ansehen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs führten dann die Nazis nochmals die Sommerzeit ein.

In Wien galt sie 1945 allerdings nur für zehn Tage: Am 2. April wurde sie von den Deutschen verordnet, am 12. von den Russen abgeschafft. Von 1946 bis 1948 gab es sie wieder und dann bis 1980 wieder nicht. Geht es nach der europäischen Politik, sollen die jährlichen Zeitumstellungen nun erneut abgeschafft werden – hoffentlich zum letzten Mal.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at