Marcel Koller: „Die Zeit in Österreich war wunderschön“

Sport / 28.05.2019 • 21:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Marcel Koller erklärt im Gespräch, warum Offensivfußball nicht immer die beste Lösung ist, auch wenn er ihn mag. VN/LERCH

Der ehemalige österreichische Teamchef Marcel Koller (58) im VN-Interview über den FC Basel, das österreichische Nationalteam, den Offensivfußball und das Geld im Fußball.

Gernot Schweigkofler

Rankweil Seit dem vergangenen August ist der ehemalige österreichische Teamchef Marcel Koller wieder im Trainergeschäft und trainiert den FC Basel. Am Dienstag war er auf einer Veranstaltung in Rankweil und hat sich dabei mit den VN unterhalten.

Sie sind seit August Trainer beim FC Basel. Der zweite Platz in der Schweizer Liga ist für den FC Basel wohl nicht der Anspruch, den der Verein an sich selbst stellt. Wie schaut Ihre Bilanz aus?

Wir haben den zweiten Platz gefestigt, und wir haben das Pokalfinale gewonnen. Damit haben wir das erreicht, was noch möglich war, die Berner Young Boys hatten bereits einen großen Punktevorsprung und haben die Meisterschaft frühzeitig klargemacht.

Schweizer Medien haben über eine Vertragsauflösung bei Basel spekuliert. Wie sehen Sie die Situation?

Ich habe noch für ein Jahr einen Vertrag, deswegen verstehe ich die Spekulationen nicht.

Wenn Chelsea am Mittwoch gewinnt, könnte in der dritten Champions League Qualifikationsrunde der Lask Ihr Gegner sein: Wäre das für sie als Österreich-Kenner ein Vorteil oder haben Sie andere Wunschgegner?

Es gibt keine Wunschgegner, man kann das ja auch nicht aussuchen. Aber es wäre für mich natürlich ein spezielles Spiel, auf das ich mich speziell freuen würde.

Was sind Ihre Ziele mit dem FC Basel für die kommende Saison?

National geht es darum, wieder um die Meisterschaft zu spielen, und auch international wollen wir wieder mit dabei sein.

Sie haben das österreichische Nationalteam zu großen Erfolgen geführt, es gab viel Euphorie in Österreich. Wie beurteilen Sie mit etwas zeitlichem Abstand Ihre Ära in Österreich?

Es war eine wunderschöne Zeit. Wenn man sechs Jahre in einem Land ist und etwas aufbauen kann, dann ist das etwas sehr Spezielles. Ich erinnere mich noch, wie die Stimmung war, als ich die Nationalmannschaft übernommen habe. Als ich aufgehört habe, waren die Stadien voll. Wir haben große Erfolge erzielt, ich denke gerne an das Spiel in Schweden zurück, als wir die Euro-Teilnahme fixiert haben. Ich habe die Zeit sehr genossen.

Der Höhepunkt der Ära Koller: in Stockholm wurde die Qualifikation für die Euro 2016 fixiert. GEPA/Bildbryan
Der Höhepunkt der Ära Koller: in Stockholm wurde die Qualifikation für die Euro 2016 fixiert. GEPA/Bildbryan

Verfolgen Sie die aktuelle Entwicklung des österreichischen Nationalteams noch?

Ja, ich schaue natürlich die Spiele noch an. Aber es fehlt die Zeit, um vor Ort zu sein.

Wenn man Sie zwingen würde, Ihrem Nachfolger Franco Foda einen Rat zu geben, welchen Rat würden Sie ihm geben?

Ich werde mich hüten, ihm einen Rat zu geben.

Aktuell wird im Fußball wieder vermehrt offensiv gespielt,  gerade die erfolgreichen Mannschaften operieren mit einem Offensivkonzept. Auch Sie setzen schon sehr lange auf Offensivfußball: Freut Sie diese Entwicklung?

Natürlich freut mich das. Die Schwierigkeit für einen Trainer ist aber, dass man flexibel sein muss. Es hängt viel von der individuellen Klasse der Spieler ab. Deshalb muss man schauen, was das Beste für die Spieler ist und was sich umsetzen lässt. Außerdem muss man reagieren, wenn sich etwas nicht umsetzen lässt. Es ist einfach, zu sagen „Wir spielen offensiv“, aber es braucht entsprechende Spieler. Im Nationalteam hatten wir die Spieler fürs Pressing, die konnten das hervorragend umsetzen. Am Ende muss man mit dem System erfolgreich sein.

Ist eine klare Defensivstrategie gerade für kleinere Mannschaft vielleicht der bessere Weg?

Ja, das machen die kleineren Mannschaften ja auch. Gegen Deutschland spielen nur wenige Mannschaften Pressing. Da wartet man lieber ab, steht hinten drin und versucht mit einem Konter oder Standard zum Erfolg zu kommen. Wenn dann ein Unentschieden oder sogar ein Sieg gegen eine Mannschaft wie Deutschland gelingt, ist das super. Andererseits muss man vielleicht gegen noch kleinere Teams wieder das Spiel machen. Das braucht Qualität. Mit dem Ball zu spielen und Chancen zu generieren ist schwieriger, als defensiv in den Räumen zu stehen.

Heute sprechen Sie vor Wirtschaftsleuten aus der Region. Fußball und Geld hängen ja eng zusammen. Was für einen Connex werden Sie heute herstellen?

Wirtschaft und Fußball sind eng verbunden. Die Entscheidungsträger in der Wirtschaft sind auch Fans, sind aber auch integriert, treten als Vorstände oder Sponsoren auf. Sie sind aber meist keine Fachleute, sondern eben Fans. Deshalb ist es wichtig, dass die Experten für den Fußball verantwortlich sind. Im Fußball verhalten sich, aus der Emotion heraus, die Wirtschaftsleute manchmal auch anders.

An den Fußballverbänden wird immer wieder Kritik laut. Die Vergabe der WM 2022 nach Katar sorgte für Kritik. Am Mittwoch spielen zwei Londoner Mannschaften in Baku, wegen der geringen Kapazität des Flughafens sind nur wenige Gästefans zugelassen. Sind das Entwicklungen, die Sie persönlich stören?

FIFA und UEFA orientieren sich weltweit, Fußball ist weltweit ein Thema. Ich bin hier auch zu weit von Entscheidungen entfernt, derartige Dinge werden ja im Vorfeld entschieden und hier ist man vielleicht erst später draufgekommen, dass es möglicherweise weniger ideal ist. Aber die Veranstaltungen finden statt.

Das Geld ist auch in den Ligen ein entscheidender Faktor: Die vier großen Ligen können sich Spieler aus der ganzen Welt leisten, auch für regional und auch historisch große Vereine wie den FC Basel ist es hingegen schwer, die Topspieler zu halten und auch die Talente zu bekommen, die man wirklich will?

Es ist schwierig, die Topvereine sind überall vertreten, die kennen die Toptalente. Sie müssen weniger aufs Geld schauen, das macht es für uns schwierig. Wir müssen uns in Österreich und der Schweiz im Klaren sein, dass wir Ausbildungsligen sind. Die Toptalente kann man irgendwann nicht mehr halten.

Die großen Klubs sichten immer jüngere Spieler: Bringt das das Konzept der Ausbildungsliga in Gefahr?

Das Ausbildungskonzept gilt nicht nur für die Toptalente, sondern auch für weitere talentierte Spieler. Die Topligen suchen sich die Rosinen heraus und könne sich diese leisten.

In welcher Liga, bzw. bei welchem Verein oder auch bei welcher Nationalmannschaft würden Sie in Ihrer Karriere gerne noch arbeiten?

Wo ich bin, da gebe ich 100 Prozent und versuche alles um erfolgreich zu sein. Ich hatte aber nie ein konkretes Ziel, wo ich hinwollte.

Sie sind ja fußballerisch mit den Grasshoppers Zürich groß geworden, waren dort 25 Jahre Spieler und auch einmal eineinhalb Jahre Trainer: Dem Verein geht es aktuell nicht so gut, er ist gerade abgestiegen: Wäre es für Sie reizvoll, auch dort noch einmal als Trainer zu arbeiten?

Es ist immer schwierig, zurückzugehen. Es war schon schwierig, als ich als Trainer zurückkam. Ich wurde als Trainer nochmals Meister, danach wusste ich aber, es ist Schluss, ich muss woanders hingehen. Aber natürlich ist es etwas Spezielles, wenn man über 26 Jahre bei einem Verein ist.

Was glauben Sie, wer gewinnt morgen die Europa League? Und wer ist Ihr Favorit fürs Champions-League-Finale Ende Woche?

Arsenal gegen Chelsea wird ein enges Duell, ich denke Chelsea hat vielleicht mehr individuelle Möglichkeiten. In der Champions League wird wohl Liverpool den Sieg holen, wobei Tottenham gezeigt hat, dass sie gut dagegenhalten können. Am Ende wird sich aber wohl die enorme Offensivqualität von Liverpool durchsetzen.

Vielen Dank für das Gespräch.