„Kinder ohne Kindheit scheitern“

Vorarlberg / 16.06.2019 • 19:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Günther Loewit referiert zu
Günther Loewit referiert zu „Wir schaffen die Kindheit ab“. Pixelkinder

Bestseller-Autor Günther Loewit kommt zur ersten Abendveranstaltung der Buch am Bach.

Götzis Für alle, die am Dienstagabend, 25. Juni, 19.30 Uhr noch nichts vorhaben, für die gibt es jetzt einen ganz besonderen Tipp. Die VN laden ein zum Vortrag mit Landarzt und Autor Günther Loewit zum Thema „Wir schaffen die Kindheit ab“. Neugierig? Vorab schon ein Interview mit dem 61-Jährigen, der die Kinder aus ihrem goldenen Käfig holen will. Denn flügge werden sie nur, wenn sie vorher fliegen lernen.

 

Was hat Sie bewogen, ein Buch mit dem Titel „Wir schaffen die Kindheit ab: Helikoptereltern, Förderwahn und Tyrannenkinder“ zu schreiben?

Loewit Zuerst habe ich ein Buch übers Sterben geschrieben. Ich habe mir die Frage gestellt, warum wir mit dem Sterben ein Problem haben? Die Antwort ist, wir haben ein Problem mit dem Loslassen, weil hinter uns nichts nachkommt. Als ich ein junger Arzt war, starben alten Menschen ­­­am Ende ihres Lebens. Heute geben wir 93-Jährigen Chemos, die sie endgültig umbringen. Wussten Sie, dass die letzten drei bis sechs Lebensmonate eines Menschen das Sozialsystem genauso viel kosten wie das ganze Leben zuvor? Wenn wir diese Summen verwenden würden, um es jungen Leuten zu geben, die ein Kind kriegen wollen, bin ich überzeugt, dass es mehr Kinder gäbe.

 

Das heißt, wir schaffen nicht nur die Kindheit, sondern auch die Kinder ab?

Loewit Auf eine österreichische Mutter kommen 1,2 Kinder. Aber ohne Kinder sind wir zum gesellschaftlichen Untergang verurteilt. Und ohne lebendige Kindheit sind unsere wenigen Kinder zum Scheitern verurteilt. Es beschäftigt mich deshalb sehr, dass wir ungeheure finanzielle Ressourcen in das Verhindern von Sterben investieren, anstatt entsprechende familien- und kinderfreundliche gesellschaftliche Grundlagen zu schaffen.

 

Kinder ohne Kindheit: Was bedeutet das für die Zukunft unserer Gesellschaft?

Loewit Eine schwere Frage. Wir leben bereits in einer überalterten Gesellschaft. Kinder sind rar und gelten deshalb als kostbar. Das hat zur Folge, dass der Nachwuchs überproportional beschützt und behütet wird.

 

Beschützen und behüten klingt eigentlich gut?

Loewit Ja, wenn es in einem gesunden Verhältnis stünde. Doch eine überproportionale Behütung schafft eine abgeschirmte und unnatürliche Atmosphäre. Die Kinder haben keine Chance, sich in diesem „goldenen Käfig“ auszuprobieren, hinzufallen, wieder aufzustehen und von vorne anzufangen. Das gehört jedoch zum Kind sein dazu und ist die Basis für das spielerische Erlernen von Lebenskompetenz wie beispielsweise Frustrationstoleranz. Nur dann können sie als Erwachsene Krisen und Niederlagen auch erfolgreich meistern. Dasselbe gilt für Begabungen. Wer nicht lernt, in sich hineinzuhören und sich auszuprobieren, kann keine Fähigkeiten an sich entdecken.

 

Wie geht es diesen Kindern ohne Kindheit, wenn sie einmal erwachsen sind?

Loewit Ich bin bald 40 Jahre Arzt, aber ich hatte noch nie so viele junge Patienten, die mit den einfachen Anforderungen des Alltags nicht zurechtkommen. Sie können weder mit Spannungen in Beziehungen noch mit Druck am Arbeitsplatz umgehen. Überbehütet wirkt lähmend, nicht beflügelnd.

 

Was raten Sie Eltern, die ihren Kindern die Kindheit zurückgeben wollen. Welche „Medizin“ würden Sie Ihnen verschreiben?

Loewit Da gibt es eine schnelle Antwort: Geschwister!

 

Welche Rolle spielen Bilder- und Kinderbücher? Können Sie Kindern ein Stück Kindheit geben?

Loewit Eine riesige Rolle. Täglich sage ich Eltern in meiner Ordination: Nehmen Sie Ihren Kindern das Handy weg und geben Sie ihnen ein Buch. Diese Bücher erklären die Welt auf kindlichem Niveau und fördern die Bandbreite des Denkens.

Zur Person

dr. günther Loewit

Beruf: Arzt

Alter: 61 Jahre

Familie: verheiratet, 3 Kinder (20, 22 und 24 Jahre alt)

Hobbys: Mein Leben ist mein Hobby!

Vortrag: 25. Juni 2019, 19.30 Uhr, Kulturbühne Ambach Götzis, 5 Euro Eintritt, Reservierungen erbeten unter: buchambach@vn.at