Neuproduktion mit musikalischen Glanzpunkten

Kultur / 17.06.2019 • 19:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Dorothea Röschmann verkörpert die Figur der liebenden Gattin mit Kraft und ­Präsenz.Hösl
Dorothea Röschmann verkörpert die Figur der liebenden Gattin mit Kraft und ­Präsenz.Hösl

Glucks Reformoper in der Fassung mit Balletteinlagen.

München Ein Försterssohn aus der Oberpfalz und ein italienischer Finanzsachverständiger machten sich in den 60er-Jahren des 18. Jahrhunderts daran, die Auswüchse der italienischen Oper zugunsten einer Konzentration auf den menschlichen Ausdruck zurückzustutzen. Mit „Alceste“ schufen Gluck und Calzabigi nach „Orfeo ed Euridice“ die zweite wichtige Reformoper, die 1767 in Wien und 1776 in Paris in einer stark umgearbeiteten Fassung in französischer Sprache aufgeführt wurde. Diese Fassung mit Balletteinlagen wird derzeit in der Bayerischen Staatsoper in einer Neuinszenierung gespielt.

Bereits während der Ouverture tritt die Compagnie Eastman des belgischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in Aktion, der auch Regie führt. Zu den drängenden Klängen des Bayerischen Staatsorchesters agieren die Tänzer barfuß im Schlabberlook in Weiß, Beige und Khakigrün, mit Arm- und Handbewegungen, die wie eine Mischung aus Eurhythmie und Gebärdensprache wirken. Leider sind sie fast ständig auf der Bühne.

Obwohl manchmal bewegende Bilder gelingen, vor allem im 3. Akt, wenn sie als schwarze Höllenfiguren auf Stelzen agieren, wirkt dieses Dauergehampel jedoch eher störend.

Präsente Dorothea Röschmann

Die Koloraturen, die Gluck zugunsten schlichter Melodien abgeschafft hat, um die Handlung nicht durch „unnützen und überflüssigen Schmuck zu erkälten“, kehren hier in Bewegung verwandelt zurück. Optisch ist die Inszenierung (Bühnenbild Henrik Ahr, Kostüme Jan-Jan von Essche) unsinnlich wie Reformmargarine: es gibt zwei Podeste mit Stufen und beige-graue Wände, die erst im Höllenakt als Zellen mit Gefangenen etwas aufregender werden. Musikalisch jedoch nimmt diese Neuproduktion für sich ein. Vor allem dank Dorothea Röschmann als Alcèste, die die Figur der liebenden Gattin, die statt ihres Mannes in den Tod gehen will, mit Kraft und Präsenz in Höhe und Tiefe und menschlicher Wärme gestaltet. Der Tenor Charles Castronovo als ihr Gatte Admète forciert etwas zu sehr, Michael Nagy, der sowohl den Oberpriester als auch den Herkules singt, überzeugt mit seinem kraftvollen Bariton. Auch die kleinen Rollen sind gut besetzt, der Chor singt präzise und schön. Der musikalische Motor aber, der Farbe ins Geschehen bringt, ist das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Antonello Manacorda, das mit Naturhörnern, subtilen Holzbläsern und wenig Vibrato sowohl samtige als auch dramatische Klänge hervorbringt, immer im passenden Tempo. Bezeichnenderweise spendete das Publikum aber den Tänzern den meisten Applaus.

Die Produktion steht ab Juli in der Bayerischen Staatsoper in München wieder auf dem Spielplan: www.staatsoper.de