Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Rache in der Politik, das süße Gift

Politik / 17.06.2019 • 22:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Werner Faymann schreibt kein Buch, rechnet mit niemandem öffentlich ab, gibt seiner Partei keine gescheiten Ratschläge. Wäre der Politikbetrieb ein Zoo, dann wäre der ehemalige SPÖ-Bundeskanzler damit eine höchst seltene Spezies. Obwohl Faymann aus seiner persönlichen Perspektive durchaus Grund hätte, seinen Nachfolgern reinzupfuschen. Am Ende war die Partei auch nicht gut zu ihrem verbindlichen Kanzler, inklusive Pfeifkonzert am 1. Mai 2016 auf dem Rathausplatz. Rachegefühle hat Faymann für sich behalten – und wenn, dann im Stillen gepflegt.

Rache gehört natürlich zum politischen Betrieb, das ist unschön, aber menschlich. Oft entspringt sie auch hier der Kränkung, ob einer realen oder vermeintlichen. Und gerade in einer politischen Neuordnungsphase wie jetzt kann man die Rachegelüste öffentlich beobachten.

Rache und Wahlkampf

Wie die teilweise unverhohlenen Ressentiments zwischen den Ex-Koalitionspartnern ÖVP und FPÖ – zum Beispiel in der ORF-Diskussionssendung „Im Zentrum“ vor zwei Wochen zwischen dem türkisen Generalsekretär Karl Nehammer und seinem blauen Pendant Christian Hafenecker.Sie wurden dem Sendungstitel „Misstrauen, Rache und Intrigen – Wie heftig wird der Wahlkampf?“ nur allzu gerecht (was ÖVP und FPÖ nach der Wahl nicht davon abhalten muss, ihren Weg gemeinsam fortzusetzen). Oder die Rachegefühle der SPÖ gegenüber Ex-Kanzler Sebastian Kurz. Die Sozialdemokraten können wohl nicht vergessen, dass sie unter Türkis-Blau in die für sie schwierige Oppositionsrolle kamen und dort nicht mit Respekt behandelt wurden (wie weit Rachegedanken mitspielen, dass Christian Kern seiner Nachfolgerin Pamela Rendi-Wagner ausgerechnet jetzt Unerfreuliches zur Lage der SPÖ ausrichtet, weiß man nicht, aber sicher ist: lieber keine solchen Interviews geben).

Und wenn man sich ansieht, wie der erstarkte Grünen-Chef Werner Kogler und Peter Pilz miteinander umgehen, weiß man auch, dass die Grünen Pilz seine Gegenkandidatur bei der Nationalratswahl 2017 niemals vergessen werden (und eine Aufnahme der Liste Jetzt nicht möglich ist).

Werner Faymanns Rache

Ex-Kanzler Faymann agiert hingegen nicht groß selbst auf der politischen Bühne, um mögliche Rachegefühle zu stillen. Seine Verbündeten in der SPÖ waren allerdings maßgeblich daran beteiligt, Faymanns Nachfolger Kern zu schwächen, sie haben Michael Häupl noch das Leben schwer gemacht oder jetzt auch erreicht, dass der Wiener Christian Deutsch Rendi-Wagners Wahlkampfmanager wird. Ein Faymann-Vertrauter.

Doch wen auch immer Rachegedanken plagen – man sollte sich vielleicht auch an den Gedanken über die Rache des römischen Philosophen Seneca orientieren: Die Bosheit trinkt die Hälfte ihres eigenen Giftes. Immer.

„Rachegefühle hat Ex-Kanzler Werner Faymann für sich behalten – und wenn, dann im Stillen gepflegt.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt