Faszinierend anders

Kultur / 19.06.2019 • 22:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Szene aus Mozarts „Don Giovanni“, inszeniert von Marie-Eve Signeyrole in Strassburg. oper/Klara Beck
Szene aus Mozarts „Don Giovanni“, inszeniert von Marie-Eve Signeyrole in Strassburg. oper/Klara Beck

Mozarts Meisterwerk „Don Giovanni“ in einer außergewöhnlichen Inszenierung.

Christa Dietrich

Strassburg, Bregenz Das muss man sich trauen. Eva Kleinitz (1972-2019), Intendantin der Oper in Strassburg und zuvor unter anderem Co-Intendantin der Bregenzer Festspiele, wusste, mit wem verwegene Konzepte zu realisieren sind. Wenige Wochen nachdem der Musiktheaterbetrieb eine seiner großen Hoffnungsträgerinnen verlor, öffnete sich zum Finale ihrer zweiten Spielzeit in Strassburg der Vorhang für die Neuinszenierung von Mozarts „Don Giovanni“. Pardon, im Grunde begann die Aufführung schon vor den Stufen des klassizistischen Gebäudes. Angesichts von wartenden Frauen an Bistro-Tischen und ausgerufenen Einladungen zur Soirée auf der Bühne stand fest, dass die französische Regisseurin Marie-Eve Signeyrole performative Elemente in das 1787 uraufgeführte, berühmt gewordene Spiel vom laut Untertitel „bestraften Wüstling“ einbaute. Somit klar als Ausnahmefall deklariert und etwa mit Verweisen auf die legendäre Performance „The artist is present“ von Marina Abramovic versehen, in der sich Akteurin und Besucher schweigend gegenübersitzen und eine obsessive Stimmung entsteht, zerfledderte sich der Abend auch nicht zu einem Happening, sondern behielt seine Stringenz.

Obwohl es zu erwarten gewesen wäre, ergab sich die Schlüssigkeit nicht so sehr aus dem Zugriff von Christian Curnyn am Pult des Philharmonischen Orchesters, das mit durchgehend solidem Klang punktete. Kompaktheit erfuhr dieser außergewöhnliche Abend ob der konsequenten Choreografie, die auch dann wie am Schnürchen klappte, wenn die Szenerie improvisiert wirken sollte. Freilich muss dafür ein geeignetes Sängerteam gefunden werden, aber das stellte bereits Michael Nagl (Leporello) mit einer selbstverständlichen Präsenz außer Frage, der sich Nikolay Borchev (Don Giovanni) dunkel timbriert entgegenstellte. Jeanine De Bique (Donna Anna), Sophie Marilley (Donna Elvira) und Anaïs Yvoz (Zerlina) repräsentieren eine Sängerinnen-Generation, die jegliche schauspielerische Qualität und Höhensicherheit gleichermaßen exakt abzurufen haben.

Konsequent und vielschichtig

Was für ein Don Giovanni begegnet uns hier in dieser Inszenierung, in der viele filmische Szenen (bis hin zu einem schmachtenden Errol Flynn) eingebaut sind, und in der weniger die Libido als die Verlogenheit dechiffriert wird? Auf einen simplen Nenner bringt es Signeyrole mit Fabien Teigné (Bühne) und Yashi (Kostüme) nicht, aber es ist wohl die Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen, die dieser Giovanni befeuert und was ihn so faszinierend macht. Diese Idee ist nicht neu, aber sie wurde wohl kaum so konsequent und dabei so vielschichtig und dabei nicht zu psychologisierend umgesetzt wie in dieser Neuinszenierung von Mozarts und Da Pontes Meisterwerk, in der die Musik für Puristen zwar etwas auf der Strecke bleiben mag, in der sie aber keinesfalls hintangestellt wird. Andernfalls hätte das Publikum wohl nicht so gejubelt.

Weitere Aufführungen vom 20. bis 27. Juni in der Oper Strassburg und am 5. und 7. Juli in der Filature in Mulhouse: www.operanationaldurhin.eu