Hängende Gärten und Nudeln mit Ausblick

Kultur / 21.06.2019 • 18:54 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Mit „Gastgeben“ hat der Werkraum Bregenzerwald alles versammelt, was ein Miteinander noch schöner macht.

Christa Dietrich

Andelsbuch Die Mahlzeit, zubereitet aus regionalen Produkten, in angenehmer Atmosphäre mit einem inspirierenden Gespräch beenden, im hölzernen Zuber mit Blick auf die Landschaft ein Bad nehmen und dann noch im Bett zum bereitgelegten Buch mit Texten von Florian Aicher, Kaspar Troy oder Peter Natter greifen: So oder so ähnlich fühlt man sich als Gast in der Tat wie ein König, kommt wieder und strahlt Wohlbehagen und Zufriedenheit aus, was auch den Gastgeber glücklich macht. Gastgeben sollten wir wieder verstärkt üben, bemerkt die Vorarlberger Ideenentwicklerin Isabella Natter-Spets: „Wenn Gastlichkeit keine Grundhaltung gewesen wäre, wenn kein Platz für das Fremde, für das, was von außen kommt, freigehalten worden wäre, hätte sich die Menschheit nicht so entwickeln können.“

Was Gastgeben heißt oder was es heißen kann, lässt sich in der neuen, von Isabella Natter-Spets kuratierten Ausstellung „Gastgeben“ im Werkraumhaus in Andelsbuch bestens erfahren. Es ist die Ausstellung, mit der sich Geschäftsführer Thomas Geisler ans Kunstgewerbemuseum nach Dresden verabschiedet und mit der sich seine Nachfolgerin Miriam Kathrein, eine gebürtige Bregenzerin, die in Wien und London studiert hat, als Leiterin des Werkraum Bregenzerwald vorstellt. Zusammen mit den Nona-Architektinnen Anja Innauer und Nora Heinzle, den Werkraum-Mitgliedern und Partnerhotels wurde ein großartiges Projekt realisiert, auf das man im Grunde genommen lange gewartet hat. Mehr Information und mehr Erlebnis geht kaum und insofern ist es nur nachvollziehbar, dass die Veranstalter ein Saisonticket empfehlen, das bis Jänner nächsten Jahres ein mehrmaliges Einchecken samt Teilnahme am umfangreichen Zusatzprogramm gewährleistet, in dessen Rahmen auch gekocht, gesungen, schnabuliert, diskutiert und philosophiert wird.

Nicht nur Luxus

Edel verarbeitetes Holz, eine perfekt durchgestylte Bar, florale Akzente, die hängenden Gärten gleichkommen, ein eigenes Musik- und Spielzimmer: Bei diesen Begriffen denkt man an hochpreisige Urlaubsadressen oder Besitzer von Penthäusern oder Villen in Hanglagen. Kann man, muss man aber nicht, denn spätestens beim Aufenthalt in der von Martin Bereuter gestalteten Küche, in deren Zentrum eine einfache, aber mobile Herd-Abwasch-Kombination steht, wird klar, dass Gastlichkeit auch beim Anbieten eines Eintopfs zum Ausdruck kommen kann und dazu braucht es keine teuren Zutaten und auch kein Schnickschnack.

Dass ein Koch Wert darauf legt, mit Produkten zu arbeiten, die er in Fahrraddistanz erwerben kann, oder dass immer mehr Handwerker aus der Lebensmittelbranche Mitglieder beim logischerweise von Tischlern, Schreinern, Metallverarbeitern, Installateuren und Elektrikern dominierten Werkraum sind, stimmt zuversichtlich. Und so braucht der Speck, der da im wahrsten Sinne des Wortes von der Decke hängt, nicht mit Tierfabriken assoziiert werden und auch Nudeln stammen neuerdings aus dem Bregenzerwald. Langgezogen oder schön gedrechselt harren sie der Soße, die bereits im Weck-Glas im Regal steht, flankiert von Kräutern, die vor Ort gesammelt wurden. Was zu erleben und zu erfahren ist, werde im Umkreis von ca. 20 Kilometern erzeugt, heißt es. 

Rund 40 Betriebe

Holzwerkstatt, Tischlerei, Schneiderei, Schuster oder Goldschmied: Jedes Zimmer im nun zum Beherbergungsbetrieb mutierten Werkraumhaus hat seinen eigenen Ausstatter und versammelt Objekte, die in rund 40 Betrieben im Bregenzerwald hergestellt wurden. Insgesamt neun Partnerhotels haben mitgewirkt und vermitteln, wie zahlreiche Ideen bereits in die Praxis umgesetzt wurden. Irgendwann landet man dann im Bad oder Spa, wie es so schön, abgeleitet von sanus per aquam, heißt, und erfährt, dass den Wäldern bei Dusch- und Waschtischgestaltungen die Ideen nicht ausgehen und Körperpflegeprodukte sowieso schon seit Längerem in der Gegend hergestellt werden. Noch überraschender ist das Musikzimmer. Dass in Hotels auch gute Interpreten auftreten, ist nichts Neues, erfreut nimmt man jedoch zur Kenntnis, dass heimische Tischler auch funktionstüchtige Objekte wie einen Gitarrenständer anbieten, der zugleich eine Augenweide ist und selbst auch Perkussions-Instrumente entwickeln.

Damit das Ansichtskartenschreiben nicht nur nostalgische Gefühle weckt, liegen informative Karten mit einzelnen Objekten auf. Sie geben Auskunft, regen zum Sammeln und Weiterschenken an. Gerne lassen sie sich auch als Einladungskarte benutzen. Gastgeben soll ja, wie eingangs erwähnt, geübt werden. Ein mit Sicherheit geeigneter Ort für das nächste Treffen ist das Werkraumhaus in Andelsbuch.

„Im Umkreis von ca. 20 Kilometern wurde gefertigt, was hier zu erfahren und zu erleben ist.“

Die Ausstellung „Gastgeben“ im Werkraumhaus in Andelsbuch führt in Räume mit inspirierendem Wohlfühlambiente und repräsentiert zugleich das Handwerk im Bregenzerwald. werkraum/roswitha schneider, Max Manavi-Huber
Die Ausstellung „Gastgeben“ im Werkraumhaus in Andelsbuch führt in Räume mit inspirierendem Wohlfühlambiente und repräsentiert zugleich das Handwerk im Bregenzerwald. werkraum/roswitha schneider, Max Manavi-Huber

Die Ausstellung ist bis 11. Jänner 2020, Di bis Sa, 10 bis 18 Uhr, im Werkraumhaus in Andelsbuch geöffnet. Umfangreiches Rahmenprogramm: werkraum.at