Hervorragend recherchiert

Kultur / 21.06.2019 • 18:03 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Mordermittlungen im Herzen der Nazi-Macht.

Roman Bernie Gunther hat eine der abenteuerlichsten Ermittlerkarrieren der modernen Kriminalliteratur absolviert. In den Romanen des kürzlich verstorbenen Briten Philip Kerr hat sich der Berliner Kriminalpolizist von den frühen Dreißigern bis in die Fünfziger Jahre hinein durchgeschlagen, immer in gefährlicher Nähe zu den Vertretern der Diktatur und ihren Hinterlassenschaften, aber stets moralisch aufrecht. Im neuesten Roman „Berliner Blau“ hat Gunther eine Art Vorruhestand erreicht. Im Jahr 1956 lebt er unter falschem Namen als Hotelportier an der französischen Riviera. Aber die Vergangenheit holt ihn ein. In einer komplexen Rahmenhandlung spürt ihn ein Team von Stasi-Agenten unter Leitung von Erich Mielke persönlich auf, um ihn anzuheuern. Gunther bleibt nur die Flucht vor seinen Verfolgern und vor seiner Vergangenheit. Einen seiner Verfolger kennt Gunther aus der Vorkriegszeit, und während seiner Flucht quer durch Frankreich erinnert er sich an seinen wohl gefährlichsten Einsatz. Im April 1939 hatte ihn sein oberster Vorgesetzter Reinhard Heydrich zu sich zitiert. Der Chef des Nazi-Sicherheitsdienstes hat einen brisanten Auftrag. Auf der Terrasse von Hitlers Ferienhaus ist ein Mann erschossen worden. Nicht nur ist der Täter unbekannt, auch ist unklar, von wo er geschossen hat. Der Fall birgt eine besondere Brisanz, denn nur eine Woche später will der Diktator in seinem „Berghof“ seinen 50. Geburtstag feiern. Natürlich soll er nichts von dem Mord erfahren, und er soll auch nicht in Gefahr geraten, denn vielleicht war der Schuss auf den Ingenieur ein Test für ein Attentat auf den Diktator. Sofort macht sich Gunther an die Arbeit. Er erlebt die unwirkliche Atmosphäre der Diktatorenvilla. Der Gegensatz zwischen Schein und Wirklichkeit der Diktatur wird so deutlich, dass Gunther sich sogar fragt, ob nicht auch er Widerstand leisten sollte. Zusätzlich hat Philip Kerr in seinem hervorragend recherchierten Roman weitere Spannungsebenen eingebaut und bietet eine abwechslungsreiche und spannende Mischung aus erdachten, aber realistisch erscheinenden Begebenheiten.

„Berliner Blau“, Philip Kerr, Wunderlich Verlag, 638

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