Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Stille Balance

Gesund / 21.06.2019 • 10:58 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Aufgeblasen wie einer dieser Jahrmarkt-Ballons und gleißend gelb stand er dieser Tage am Himmel, der Mond. In voller Größe ist das Gestirn schon schön anzusehen. Was mich betrifft, zupft er allerdings, eingebildet oder nicht, gerne an meinem Schlaf. Das äußert sich meist in einem mehr oder weniger tiefen Dösen, durch das ganz leicht auch die Geräusche der Nacht an mein Ohr dringen. In besagter Nacht war es eine Grille, die zirpte, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Zuerst empfand ich das Geräusch als nervig, dann gehörte es irgendwie dazu, und ich hatte das Gefühl, auf dem Zirpen wie auf einer Wolke einzuschlummern. Was mich davon abhielt, war das Verstummen der Grille, war die Stille, die mir plötzlich unnatürlich vorkam.

Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell sich der Mensch an etwas Lautes gewöhnt, wenn es beständig da ist. Leute, die an einer vielbefahrenen Straße wohnen, würden mir jetzt vermutlich mit aller Vehemenz widersprechen. Dennoch kann bei kontinuierlichem Lärm durchaus ein Gewöhnungseffekt eintreten. Das Geräusch wird nicht mehr bewusst wahrgenommen und wirkt unbewusst auch nicht mehr störend. Natürlich ist Dauerlärm ein Gesundheitsrisiko, andererseits stellt sich die Frage, ob wir bei den uns ständig umgebenden Geräuschpegeln überhaupt noch mit Stille umgehen können. Eine gute Balance wäre fein, aber wo findet sich die heutzutage schon. Überall bricht Lärm über uns herein. Schwer, den auszublenden. Hören wir deshalb einfach bewusster hin, wenn Grillen zirpen und Vögel zwitschern. Das kann auch ein bisschen Freude und noch mehr Seelenfrieden schenken.

Marlies Mohr

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