Vergangenheit, die in die Gegenwart reicht

Kultur / 21.06.2019 • 18:03 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der Rat der GerechtenKatarzyna Bonda,Heyne Verlag,700 Seiten

Der Rat der Gerechten

Katarzyna Bonda,

Heyne Verlag,

700 Seiten

Verschwundene Frauen und der lange Schatten eines Pogroms.

Roman In ihrer polnischen Heimat wird Katarzyna Bonda auch als „Königin des Kriminalromans“ gepriesen. Doch obwohl Profilerin Sasza Zaluska auf der Spur eines Serienmörders in einen ganz anderen Fall hineinstolpert, ist dieser Roman viel mehr als ein Krimi. Es geht um Schuld und Verrat, um Geschichtsleugnung und Suche nach Wahrheit, um Vergangenheitsbewältigung und ethnische Konflikte in der ostpolnischen Region Podlachien, die vor dem Zweiten Weltkrieg ein Schmelztiegel der Nationalitäten und Religionen war. Schon die Widmung macht klar: „Dieses Buch ist für die Autorin auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und einem blutigen Kapitel der jüngeren polnischen Vergangenheit, dessen Aufarbeitung in den vergangenen Jahren an erneutem Aufleben von Nationalismus zu scheitern droht.“

Mehrere Zeitebenen

Die Leser müssen sich auf mehrere Zeitebenen und Erzählstränge einlassen. Profilerin Sasza Zaluska, trockene Alkoholikerin und alleinerziehende Mutter, versucht sich gerade an der Wiederaufnahme in den Polizeidienst, als ein Hinweis auf einen als „Rote Spinne“ bezeichneten psychopathischen Serienmörder sie in die ostpolnische Kleinstadt Hajnowka bringt. In der psychiatrischen Klinik dort soll ein Mann in Behandlung sein, den sie verdächtigt, der Täter zu sein. Er ist zudem der Vater ihrer Tochter. In Hajnowka kommt Zaluska mit dem reichen Unternehmer Piotr Bondaruk ins Gespräch. Der Mann, der in dem Ort als eine Art König Blaubart gilt, will die junge Iwona heiraten, die altersmäßig seine Enkelin sein könnte und obendrein aus einer nationalistischen polnischen Familie stammt – eigentlich der komplette Gegensatz zu dem Holzfabrikanten mit weißrussischen Wurzeln.

Gleich nach der Hochzeit verschwindet sie, und die Bewohner des kleinen Ortes rätseln: Ist sie mit ihrem früheren Freund durchgebrannt, wurde sie entführt, oder hat der frisch angetraute Ehemann die Finger im Spiel, dessen Partnerinnen bereits in der Vergangenheit verschwanden? Die Tatsache, dass bei der Polizei alte Totenschädel auftauchen, heizt die Gerüchteküche nur noch weiter an. Nach und nach entwirrt sich das Beziehungsgeflecht des Ortes und die Ursache der Spannungen zwischen Polen und Weißrussen in der Stadt. Auch das Dorf Zaluskie wurde damals dem Erdboden gleich gemacht und Sasza muss sich der Frage stellen, ob hier womöglich unbekannte Wurzeln der eigenen Familie liegen. „Der Rat der Gerechten“ ist ein vielschichtiger, epischer, stellenweise komplizierter und auf 700 Seiten etwas überbordender Roman um Verbrechen, Hass und Liebe sowie mit einem Ende, das manche Frage offen lässt. Gleichzeitig zeichnet Bonda mit ihrem Buch ein Gesellschaftsbild und erklärt eine Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht.