Kriegsfantasien

Politik / 23.06.2019 • 16:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Peter Schröder

„Krieg oder nicht Krieg“ gegen den Iran? Das ist frei nach Shakespeare, die Frage in Washington und anderswo. Wer den Krieg will wie Präsident Trumps Sicherheitsberater John Bolton und Außenminister Mike Pompeo, oder der den Angriffsbefehl erteilende und im letzten Augenblick zurückziehende erratische US-Präsident selbst, hat – in aller Freundschaft – nicht mehr alle Latten am Zaun.

Denn die gegenwärtige Iran-Krise ist ja von Trump und Co. hausgemacht: Erst verabschiedet sich das selbsternannte diplomatische Genie aus dem internationalen Atomabkommen mit dem Iran, das – noch – den Bau iranischer Atombomben verhindert. Und dann fing das Genie mit dem Zündeln an: Er räsonierte über die angebliche Notwendigkeit eines Regimewechsels in Teheran. Dann fand er angebliche Beweise für (von Teheran bestrittene) iranische Anschläge auf Öltanker vor der iranischen Küste.

Schließlich ließ er eine US-Spionage-Drohne über dem Iran (sagt Teheran) oder knapp davor (sagt Washington) spionieren. Die iranische Abwehr zerlegte die Drohne per Raketenschuss in ihre Einzelteile. Was Washington sofort als feindlichen Akt (sprich Kriegshandlung) einstufte. Und schon diskutierten Trump und seine Helfershelfer, wie und wann die Vereinigten Staaten darauf regieren müssten.

Das Ganze weckt fatale Erinnerungen an die imaginären Massenvernichtungswaffen im Irak, die Washington als Vorwand für den schon seit 16 Jahren tobenden Irak-Krieg nutzte. Und der gegenwärtige US-Hokuspokus über iranische Missetaten soll der Auslöser für einen mutwillig vom Zaun gebrochenen amerikanischen Krieg gegen den Iran sein?

Das Ganze weckt fatale Erinnerungen an die imaginären „Massenvernichtungswaffen“ im Irak.

Aber es gibt auch Hinweise für die Möglichkeit der letztlichen Vermeidung einer Kriegs-Irrsinnsentscheidung in Washington: Dass die USA wie beim Irak-Krieg eine internationale Koalition der willigen Mitkämpfer  zusammenkratzen können, ist äußerst unwahrscheinlich. Mitmachen beim neuen Krieg würden allenfalls Saudi-Arabien, die Vereinigten arabischen Emirate und Israel. Der Iran könnte mit politischer und militärischer Unterstützung Russlands und Chinas rechnen. Und diese Konstellation ist wohl auch für die USA eine Nummer zu groß.

Zudem weiß in Washington jedes Kind, was ein Krieg gegen den Iran bedeuten würde: Bestenfalls eine Unterbrechung der Ölversorgung der Industriestaaten mit einer veritablen Weltwirtschaftskrise. Und vielleicht auch Nuklearkrieg, über dessen Ende-der-Welt-Schrecken keine weiteren Worte notwendig sind.

Erschreckend bleibt aber, dass ein auf allen politischen Feldern Erpressungs-Diplomatie betreibender US-Präsident dennoch grünes Licht für einen möglichen Weltenbrand gab. Dass er die Apokalypse im allerletzten Moment absagte, ist keine Ruhmestat, sondern nur ein Zeichen Angst machender Unberechenbarkeit. – Frei nach Ernst Reuter: Völker der Welt, schaut auf diesen Präsidenten.