Oper „Nabucco“: Verdi ganz ohne Ausstattungskitsch

Kultur / 24.06.2019 • 21:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Bewegend: Michael Volle in der Titelrolle.  OPER/RITTERSHAUS

Andreas Homoki erzählt „Nabucco“ schlüssig.

Zürich Manche Repertoire-Opern sind derart lange zugekleistert worden von üblen Sehgewohnheiten, dass es sich noch immer lohnen kann, das eigentliche Sinn-Gerippe freizulegen. Andererseits gibt es inzwischen in der Regie einen auch nicht immer erfrischenden Drang, aufs Allerwesentlichste zu fokussieren, also alles, was entfernt nach Ausstattungsklischee aussehen könnte, zu entrümpeln. Im Falle von „Nabucco“, einer aufführungsgeschichtlich arg geschundenen Oper, lässt man es sich gern gefallen, dass Andreas Homoki den Vierakter in einer nach Kräften entschlackten Gestalt präsentiert. Schlüssig erzählt der Chef am Opernhaus Zürich (der ab 2021 „Madama Butterfly“ auf dem See in Bregenz inszeniert) die zentrale Familienstory um den babylonischen König Nabucco, dessen vermeintliche erstgeborene Tochter Abigaille – eigentlich Tochter einer Sklavin – und zweitgeborene Tochter Fenena. Und flink schneidet er auf die gleichfalls sinnfällig gemachte politisch-religiöse Rahmengeschichte, in der es um die von den Babyloniern unterjochten Hebräer geht und um deren Befreiung. Das Ausstattungsteam um Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza hat für die Vertreter der Mehrgötter-Ordnung Babylons ein marmoriertes Dunkelgrün gewählt und für die monotheistisch ausgerichteten Hebräer kontrastierende hellere Farben. Eine bewegliche Wand in der Bühnenmitte ermöglicht es, ein Gegen- oder Miteinander von Gruppen unmittelbar zu gestalten, aber auch Einzelpersonen sichtbar zu machen. Die Personenführung ist differenziert geraten.

Rollenidentifikation

Es entstehen berührende Momente, wenn Abigaille und Fenena als Mädchen wie Traumfiguren ins aktuelle Geschehen hineingrüßen oder als Frauen, die sich weltanschaulich in verschiedene Richtungen entwickelt haben, sich plötzlich schwesterlich umarmen. Michael Volle füllt die Rolle des Nabucco imposant aus und vermag den Weg vom Machtherrscher über den größenwahnsinnig Gewordenen bis zum Geläuterten mit sonorem Bariton und einer auch schauspielerisch rückhaltlosen Rollenidentifikation bewegend nachzuzeichnen. Abigaille profitiert hier von der ungemein klangmächtigen Sopranstimme und der starken Bühnenpräsenz von Anna Smirnova – die bei der Premiere mit ganz wenigen Spitzentönen Mühe bekundete. Veronica Simeoni gibt glaubhaft ihre Gegenspielerin Fenena. Der glutvoll singende Tenor Benjamin Bernheim ist Ismaele. Vokale Glanzlichter setzt Georg Zeppenfeld als hebräischer Hohepriester. Weithin überzeugend auch der von Janko Kastelic einstudierte Chor. Generell sollte die Dynamik etwas nach unten gefahren werden: Es wird zuviel im Fortissimo gesungen.

Die Philharmonia Zürich unter Fabio Luisi zieht im Graben kantable Bögen, spielt rhythmisch pointiert und meißelt effektvolle Tutti-Akkorde heraus.