Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Es ist alles nicht so einfach (8)

Vorarlberg / 25.06.2019 • 18:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Ehepaar lag im Bett, jeder auf seiner Seite, der Frau drehte sich von dem vielen Wein der Kopf, ihr schmeckte Wein nicht, ihr war übel.

„Du liegst da wie eine Tote“, sagte der Mann.

„Ja, weil mir schlecht ist, stockschlecht, ich vertrage keinen Wein.“

„Dann beweg‘ dich nicht. Ich bring‘ dir einen Kamillentee.“

Er ging in die Küche. Er fühlte sich angenehm beschwipst, schenkte sich noch ein Glas Rotwein ein und ließ sich in seinen Sessel fallen.

Er hatte Krieg und Frieden auf den Knien, las aber nicht, dachte vielmehr über sich nach und darüber, wie er sein Leben beeinflussen könnte, damit es besser würde. Lebenswerter. Er fand es traurig, dass sie keine Kinder hatten, keine Enkel, da fiel schon einiges an Freude weg, Worüber freuen? Die Frau in der Nachbarswohnung, die abends gelacht hatte, immer und immer, jedenfalls bis vor einer Woche, hatte sie ein besseres Leben? Sie ging auf Krücken, sie konnte allein das Haus nicht verlassen, sie war dick, war sie zufrieden?

Er schaute ins Schlafzimmer, seine Frau lag auf dem Rücken und schnarchte. Er überlegte sich, ob er bei den Nachbarn klingeln sollte. Er zog seine Anzughose an, ein frisches Hemd, holte eine neue Flasche Wein und tat es.

Der Russe öffnete die Tür.

„Trinken Sie ein Glas mit mir?“, fragte der Mann. „Mir wäre danach.“

Sie hoben die Gläser, und der Russe erzählte, dass seine Frau im Krankenhaus liege, sie habe sich beim Sturz eine Gehirnerschütterung zugezogen, dann starke Schmerzen bekommen, und so habe er sie in die Notaufnahme gefahren.

„Sie muss noch ein paar Tage bleiben, ich vermisse sie sehr, sie ist für mich mein Leben“, sagte der Russe.

„Kann man sie besuchen?“, fragte der Nachbar.

„Das würde sie nicht wollen“, sagte der Russe, sie bleibe lieber für sich. Nur auf ihn warte sie.

„Sie haben Glück“, sagte der Nachbar. „Das kann ich von mir nicht behaupten. Meine Frau ist mir so fremd wie nur irgendeine. Wir in unserer Wohnung, wir sind wie zwei Leichen auf Urlaub.“

„Warum verlassen Sie sie nicht?“ fragte der Russe. „Bevor sie sich hassen, sollten sie sich trennen.“

„Ich hasse sie nicht, sie ist mir nur gleichgültig.“

„Und wenn sie sterben würde?“

„Sie ist gesund und lebt gesund, sie wird nicht sterben.“

Der Russe sagte: „Meine liebe Liv war schon nicht mehr ganz bei den Lebenden und hat es dann doch geschafft. Sie hatte eine Nahtod-Erfahrung, von der sie gern spricht. Sie erzählte, sie stand auf einem Berg und schaute hinunter auf mich, sah meine Verzweiflung, sie wusste, sie musste zurück, aber was schrecklich für sie war: Sie wollte nicht. Sie wollte bleiben, wo sie war. Sie schwamm durch einen See, obwohl sie gar nicht schwimmen kann, und schlug wieder die Augen auf. Ich gebe sie nicht mehr her“, sagte der Russe und schüttelte rote Weintropfen aus seinem Bart.

„Liv war schon nicht mehr ganz bei den Lebenden und hat es dann doch geschafft.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.