Große Hitze

Politik / 26.06.2019 • 22:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Aufregung hat sich längst gelegt und „Ibiza“ verschwindet hinter dem Dunstschleier der Großen Hitze. Bevor die tropischen Temperaturen unsere grauen Zellen versengen, wäre es durchaus lohnend, sich ein paar interessante Fakten genauer anzuschauen. Der gesunde Menschenverstand würde uns eigentlich suggerieren, dass die unter Kanonendonner – als Folge der gravierendsten Krise der Zweiten Republik – abgewählten Ex-Regierungsparteien jegliches Vertrauen in der Bevölkerung eingebüßt hätten: Die FPÖ, weil zwei ihrer Spitzenfunktionäre bereit waren, Hochverrat an „ihrem“ Vaterland zu üben – und die ÖVP, weil sie dieser berüchtigten Chaostruppe erneut zur Macht im Staate verhalfen.

Aktuelle Umfragen zeigen jedoch, dass die beiden Ex-Regierungsparteien zusammengerechnet nur geringfügig weniger Zustimmung bei den Wählern genießen als bei den letzten Nationalratswahlen – nämlich 56 Prozent (gegenüber damals 57,5 Prozent). Erwartungsgemäß erbt gegenwärtig die ÖVP verärgerte oder enttäuschte Stimmen von der FPÖ: Die ÖVP kann in dieser Momentaufnahme sechseinhalb Prozentpunkte zulegen, während die FPÖ trotz „Ibiza“ relativ wenig, nämlich acht Prozentpunkte einbüßt. Doch nicht nur die Partei ist beschädigt, sondern auch ihre Exponenten: So kann der designierte FPÖ-Chef Hofer von den Vertrauenswerten, die er 2016 als Präsidentschaftskandidat verbuchen konnte (48 Prozent) heute nur noch träumen. Gegenwärtig vertrauen ihm ganze 35 Prozent. Und obwohl seine Partei floriert, muss selbst Ex-Kanzler Kurz Vertrauensverluste hinnehmen – von 62 auf 52 Prozent in nur zwei Monaten.

Fazit: Angesichts der diskreditierten FPÖ und einer wenig attraktiven SPÖ ist die ÖVP bei vielen Wählern die einzige Option. Doch für manche in der nunmehr gestärkten ÖVP ist die geschwächte FPÖ neuerdings wieder eine Versuchung wert: Als leichte Beute, als willfähriger künftiger Partner. Die Front jener, die bisher eine Neuauflage der schwarz-blauen Koalition kategorisch abgelehnt hatten, beginnt sich aufzuweichen. Die ebenso tüchtige wie integre Übergangskanzlerin Brigitte Bierlein hat aber gravierende Missstände jener Regierung offengelegt: Die prätentiösen „Thinktanks“, die sich Kurz und Strache auf Kosten der Steuerzahler gehalten hatten, haben der Nation nichts, aber auch gar nichts gebracht – außer natürlich Spesen. Wie auch das 48-köpfige Kabinett des Innenministers Kickl. Kostenpunkt: eine Viertelmillion Euro pro Monat, mit Gehältern bis zu 13.000 Euro pro Kopf. Und zugleich steht das Bundesheer vor der finanziellen Pleite. Diese Dinge sollte man sich vielleicht vor Augen halten, bevor einen der Hitzschlag trifft.

„Trotz Ibiza haben die Umfragewerte der Ex-Koalition kaum Schaden genommen.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).