Mercedes auf einsamen Pfaden

Sport / 26.06.2019 • 19:31 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Toto Wolff hat gut lachen. Seine Mercedes-Silberpfeile dominieren die aktuelle Formel-1-Saison nach Belieben.apa
Toto Wolff hat gut lachen. Seine Mercedes-Silberpfeile dominieren die aktuelle Formel-1-Saison nach Belieben.apa

Beim Formel-1-GP in Spielberg wackelt die Siegesserie von McLaren-Honda aus dem Jahr 1988.

Spielberg Die anfänglichen Hoffnungen der Formel-1-Fans auf eine heiße Saison haben sich nicht erfüllt. Drei Monate nach einer Testphase, in der Ferrari wie der Titelkandidat Nummer eins wirkte, ist Mercedes überlegen wie nie. In Spielberg jagen die „Silberpfeile“ am Sonntag den elften Sieg in Folge. Das ist erst einmal einem Rennstall gelungen: McLaren-Honda dominierte in der Saison 1988 nach Belieben.

Nicht nur die Rundenzeiten bei den Barcelona-Testfahrten im Februar gaben Anlass zu Spekulationen, Ferrari könnte Mercedes an der Spitze ablösen, auch die Aussagen der Protagonisten gaben dem Nahrung. Mercedes sei „von der Favoritenrolle in die Challenger-Rolle gerückt“, erklärte Teamchef Toto Wolff vor dem Auftakt in Melbourne. Red-Bull-Berater Helmut Marko rechnete mit einem Dreikampf um den Titel zwischen Ferrari, Mercedes und dem Austro-Rennstall, wähnte Red Bull schon vor Mercedes.

„Neues Spiel, neues Glück“

Mittlerweile hat sich all das erledigt. Lewis Hamilton scheint auf dem Weg zu seiner sechsten Weltmeisterschaft so unaufhaltsam, dass viele den Fokus schon auf 2020 gerichtet haben. Doch auch kommende Saison wird mit jenem komplexen Hybrid-Turbomotor gefahren, den die Ingenieure der „Sternenflotte“ am besten hinbekommen haben. Es ist im Wesentlichen die gleiche Formel, die seit 2014 in Kraft ist. Seit damals hat Mercedes 82 von 108 Grands Prix gewonnen, das ergibt fast aberwitzige 76 Prozent. Ferrari heimste 14 Siege ein, Red Bull 12.

Wird Spielberg der Ort der ersten Mercedes-Niederlage 2019? Das Team hat saisonübergreifend die letzten zehn Rennen gewonnen, wobei Hamilton in den jüngsten vier den Sieg davontrug. In Le Castellet zuletzt dominierte Mercedes jede Trainingssession und das Qualifying, bevor man im Rennen jede Runde anführte. Eines der „langweiligsten Rennen der Geschichte“ will ein langjähriger Formel-1-Journalist erkannt haben. Die Motorsport-Königsklasse drohe, in einem Sumpf der Langeweile zu versinken.

„Was sollten wir anderes tun?“, entgegnete Wolff zuletzt. „Jeder an unserer Stelle würde kontinuierlich versuchen, die Leistung zu verbessern. Das ist es, was wir in allen Bereichen tun. Aber gleichzeitig sieht der Fan in mir auch Rennen, die weniger interessant sind.“ Der Konkurrenz machte Wolff kurzfristig Hoffnung: „Österreich ist ein neues Spiel, neues Glück.“ Es sei nicht zu erwarten, dass Mercedes ähnlich dominiert wie in Frankreich. „Weil es so heiß ist und eine Powerstrecke“, verwies er auf zwei angebliche Schwachpunkte im diesjährigen Paket: Kühlung und Geraden-Speed.

Eine Stärke ist offenbar der Umgang mit den Reifen. Die Pirelli-Fabrikate für 2019 haben u.a. eine dünnere Lauffläche als die alten. Vor dem Kanada-Rennen regte Red Bull an, zu den Vorgängermodellen zurückzukehren, was mehr Spannung bringen würde. Für Wolff wäre das jedoch plumper Aktionismus, der nicht zum freien Wettbewerb in der Formel 1 passen würde. Schließlich würde damit die gute Arbeit des Entwicklungsteams bestraft. „Irgendwie wäre es ein Tiefschlag für die Formel 1.“

Grausame Erinnerung

2019 ist nicht das erste Jahr, in dem Mercedes zehn Siege aneinanderreihte. Zwischen Japan 2015 und Russland 2016 sowie Monaco und Singapur 2016 gelang das mit der Fahrerpaarung Hamilton und Nico Rosberg ebenfalls. Es folgten 2017 und 2018 zwei Saisonen, die bis in den Sommer ausgeglichen und spannender waren. Dann stellte sich wieder das gewohnte Bild ein. Alles roger also, wäre da nicht das nächste Rennen in Spielberg. Ein Doppelausfall 2018 war der Tiefpunkt der Saison. „Das Rennen war eine grausame Erinnerung daran, wie schnell die Dinge in unserem Sport falsch laufen können und dass Zuverlässigkeit sowie Performance in der Formel 1 Hand in Hand gehen“, betonte Wolff im Rückblick.

Seine Vorausschau auf das Heimrennen mit seiner extrem kurzen Strecke und einer durch die Höhenlage geringeren Luftdichte war deshalb von Vorsicht geprägt. „Bisher war unsere Zielankunftsquote gut. Aber es wäre selbstgefällig, die Tatsache zu ignorieren, dass unsere Mechaniker nun an zwei Rennwochenenden hintereinander das Pendant zu einer ‚Operation am offenen Herzen‘ an unseren Autos durchführen mussten“, machte der Wiener klar, dass im Hintergrund bei weitem nicht alles perfekt ist. „Wir hatten eine Reihe an Schwierigkeiten an unterschiedlichen Komponenten, von denen jede leicht einen Ausfall hätte verursachen können“, gestand Wolff. „Wir müssen diesmal bessere Arbeit abliefern als vor zwölf Monaten.“

„Der Fan in mir sieht auch Rennen, die weniger interessant sind.“

Stichwort

Formel-1-GP von österreich

NAME Red Bull Ring

STRECKENLÄNGE 4,318 Kilometer

RUNDENZAHL 71

ERSTER GRAND PRIX 1970 (damals Österreichring)

REKORDSIEGER Alain Prost (1983, 1985, 1986)

DIE BESONDERHEIT Er trägt nicht ohne Grund den Namen Red Bull Ring. Dietrich Mateschitz, Mitgründer und Mitbesitzer von Red Bull, finanzierte den Umbau des Kurses. Am 15. Mai 2011 wurde die Strecke wiedereröffnet. Seit 2014 wird auf dem Kurs wieder gefahren. Die F-1-Zeit des damaligen A1-Rings war 2003 zu Ende gegangen.

DAS STRECKENPROFIL Wie könnte es anders sein bei einem Kurs in der Steiermark: Es geht auf und ab. Die maximale Steigung beträgt 12 Prozent, das maximale Gefälle 9,3 Prozent. Auf der Homepage des Kurses heißt es: „Entstanden ist eine Rennstrecke wie ein Erlebnispark.“ Mit ihren gut 4,3 Kilometern ist die Strecke eher kurz.

DAS SAGEN DIE FAHRER Alexander Albon (Großbritannien/Toro Rosso): „Ein schöner Kurs in einer echt coolen Gegend. Ich liebe die Lage mit den Bergen und dem vielen Grün. Für uns ist es auch ein Heimrennen, weil wir Teil der Red-Bull-Familie sind.“ Romain Grosjean (Frankreich/Haas): „Es ist eine sehr kurze, enge Runde. Nur 1:04 Minuten etwa. Aber die Strecke gibt dir ein gutes Gefühl. Mir macht es immer Spaß, hier zu fahren.“