Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Haus, Strohhut, Gummistiefel

VN / 02.07.2019 • 11:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es ist so heiß. Nicht mal mehr Krüger, durch und durch und gebürtig eine Stadtpflanze, hats noch in der glühenden Wiener-Stadt ausgehalten; er hat sich in den Zug gesetzt und ist zu mir aufs Land gefahren, wo ich im Sommer schreibe. Ich habe Krüger, der keinen Führerschein hat, am Bahnhof abgeholt und er hat auf dem Weg zu meinem Haus periodisch gebrüllt, dass ich viel zu schnell fahre, und ich habe ihm erklärt, dass ich mich penibel an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielte, und Krüger sagte, dann sollten die Leute am Land dringend mal ihre Geschwindigkeitsbegrenzungen überdenken, so schnell sollte niemand fahren dürfen, das sei ja lebensmüde, könnte ich bitte langsamer fahren. Ich bremste herunter. Krüger beschwerte sich, es sei ganz schön weit bis zu meinem Haus, ich sagte: Nur wenn man so langsam fährt. Krüger kommt wirklich nicht viel aus der Stadt, durch die er am liebsten gemächlich mit der Straßenbahn zuckelt. Krüger liebt die Stadt, auch im Sommer, er ist so ein richtiger Summer-In-The-City-Mensch, er sitzt sommerabends in einem der vielen Open-Air-Kinos, oder bei einem Freiluftkonzert, oder, manchmal mit mir, in einem Schanigarten und morgens, bevor die ganzen Kinder einfallen, schwimmt er in einem der städtischen Freibäder. Krüger ist mit Leib und Seele Wiener.

Ich muss zu meiner Ärztin, sagte Krüger, und der Gatsch da draußen sei im Übrigen furchtbar.

Jedenfalls war Krüger dann bei mir am Land. Herrlicher Sommertag. Wir schwammen im See, lagen im Schatten, grillten und saßen abends am Lagerfeuer, die Grillen zirpten, der Bach rauschte und Krüger sagte, das sei schon nicht schlecht, das Leben am Land, vielleicht werde er sich doch auch ein Landhaus zulegen. Das würde ihm stehen, ein kleines Hexenhaus, Strohhut und Gummistiefel, und der Sternenhimmel sei hier schon sehr herrlich, so einen Himmel gäbs in der Großstadt halt leider nicht. Ich solle es ihm doch sagen, wenn in der Gegend mal ein Haus zu verkaufen sei, sagte Krüger. Okay, sagte ich.

Irgendwann im Laufe dieses Abends wurde Krüger von einem Stanzl gestochen, oder einer Kriebelmücke, wie sie anderswo heißen, und als Krüger am nächsten Tag erwachte, regnete es in Strömen und sein Fuß war heiß und derart angeschwollen, dass er nicht mehr in seine handgenähten Turnschuhe passte. Ich muss zu meiner Ärztin, sagte Krüger, ich sagte, das ist nur ein Stanzl-Biss, beim ersten reagieren die meisten allergisch, hier hast du eine kühle Salbe. Ich muss zu meiner Ärztin, sagte Krüger, und der Gatsch da draußen sei im Übrigen furchtbar. Ich fuhr ihn zum Bahnhof, ganz langsam, und schickte ihm zwei Tage später eine Anzeige von einem kleinen Haus, das in der Nähe zu verkaufen war, und er hat nie darauf geantwortet.

Doris Knecht
doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.