Letzte Festspielpremiere: Mit Köpfchen, aber nicht verkopft, äh verzopft

VN / 16.08.2019 • 21:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
 „Wunderwandelwelt“ von Francois Sarhan wurde gestern Abend uraufgeführt und kommt nach Donau­eschingen. sams
„Wunderwandelwelt“ von Francois Sarhan wurde gestern Abend uraufgeführt und kommt nach Donau­eschingen. sams

„Wunderwandelwelt“ als Kontrast oder Weiterführung des großen Spektakels auf der See­bühne.

Christa Dietrich

Bregenz Kleinwagen haben etwas. Sie erinnern oft an das erste Gefühl von Freiheit in jungen Jahren, lassen Fragen zu, ob die Wahl eines solchen Gefährts denn nicht vernünftiger wäre, als dem Wunsch nach Bequemlichkeit zu entsprechen oder dem Status per breiter Kutsche Ausdruck zu verleihen. Ein Kleinwagen ist auch auf der Werkstattbühne sichtbar. Als Teil einer Collage, die einem alten Ausschneidebogen entstammen könnte. Der französische Allroundkünstler Francois Sarhan breitet dort seine „Wunderwandelwelt“ aus. Zum Abschluss der Bregenzer Festspielsaison gibt es eine Produktion, die weniger verkopft, äh verzopft ist, als es Bruchstücke aus Zitaten und Bilder aus der europäischen Geistesgeschichte annehmen lassen, die die Hauptfront der Bühne zieren.

Ob die Premiere am Freitagabend der Zweitaufführung am heutigen Samstag entspricht, muss zudem offen bleiben wie die Frage, ob jener Teil des Publikums, das im Laufe der etwa dreistündigen Performance dem Angebot nachkam, eine Pause nach freiem Gutdünken zu machen, wieder vollzählig auf die Werkstattbühne zurückfand. Draußen lockerte das Getränkeangebot jedenfalls die Stimmung.

Versierte Musiker

Was tut Sarhan? Er hat mit dem Ensemble Phace versierte Musiker versammelt, die seine Komposition zum Eindrücklichsten machen, was der Abend zu bieten hat. Man hangelt sich durch die Musikgeschichte des späten 20. Jahrhunderts, entdeckt zahlreiche Zitate aus dem Bereich des Jazz und erhält dennoch nie den Eindruck, dass Sarhan ein Eklektizist ist. Für die mehr performativen Elemente zeichnet das Team Something Out There, für Sound und Videos stehen La muse en circuit. Was will er? Schwer zu sagen, ob es wirklich so neu ist. Es dem Publikum quasi freizustellen, wie viel es aufnehmen will bzw. den Ablauf so zu gestalten, dass Hin- und Hergehen weiter nicht stört, kennt man mittlerweile. Rezensionen sind immer subjektiv, doch es gibt objektive Kriterien, an denen sich die etwaigen Urteile verankern lassen. Sind diese Kriterien, etwa die Dramaturgie oder die Erzählhandlung von vornherein eliminiert, sieht es anders aus. Man erlebe es somit einfach selbst nach, folge Sarhan auf seiner Reise durch Prag, mit der er subtil gesellschaftliche Veränderungen auffängt, kommentiert oder kritisiert, nehme neben dem Bedauern, dass der Realsozialismus nicht mehr existiert oder nie existiert hat, eine Art Liebesgeschichte wahr und lasse sich einfangen von durchaus nostalgischen Bildern. Neben dem Kleinwagen gibt es nämlich auch alte Möbel, Texte und Zeichnungen aus vergilbten Büchern sowie den Zeppelin. Sind wir also am Bodensee gelandet. Bruce Nauman wird übrigens auch noch zitiert. Bei der aktuellen Biennale von Venedig zeigt sich, dass bildende Kunst immer mehr performative Elemente aufnimmt, im Bereich der darstellenden Kunst verhält es sich umgekehrt. Das hat hier etwas, weil die Musik schlicht gut ist.

Weitere Aufführung am 17. August um 20 Uhr auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspiel­areal. Konzert mit dem SOV am 18. August um 11 Uhr im Festspielhaus.