Zwei große Meister ihres Faches bei der Schubertiade

Kultur / 01.09.2019 • 16:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Igor Levit sorgte für ein gelungenes Schubertiade-Finale in Schwarzenberg. Schubertiade
Igor Levit sorgte für ein gelungenes Schubertiade-Finale in Schwarzenberg. Schubertiade

Sopranistin Diana Damrau und Pianist Igor Levit beglückten zum Finale ihr Stammpublikum.

Schwarzenberg Das letzte Wochenende dieser Spätsommer-Schubertiade war bestimmt von zwei Lichtgestalten internationalen Formats. Die bayerische Sopranistin Diana Damrau prägt seit 2001 mit außergewöhnlicher Strahlkraft den Liedbereich, der russisch-deutsche Pianist Igor Levit hat sich seit 2011 allein mit seinem Beethoven-Zyklus unentbehrlich gemacht und nun, nach dem überraschenden Ausscheiden von Sir András Schiff, seinen Platz im Spitzenbereich der Klavierkünstler noch untermauert.

Auch mit viel Schubertiade-Erfahrung ist ein Konzert vor diesem Publikum für Diana Damrau keine „g’mahte Wies’n“, wie man bei ihr zuhause sagt. Das Licht ist ihr zu grell, sie wirkt leicht angespannt, und bei den ersten Mendelssohn-Liedern ist ihr die Natürlichkeit in der Stimme abhandengekommen. Die Zuhörer sind trotzdem den ganzen Abend lang voll auf ihrer Seite. Damrau hat auf einen Klavierbegleiter verzichtet und wie schon 2013 auf den exzellenten französischen Harfenisten Xavier de Maistre gesetzt. In den auf die Harfe übertragenen Klavierbegleitungen oder eigenen Arrangements ist er schon dem Namen nach quasi der dritte „Meister“ im Bund und ein subtiler, nie aufdringlicher Begleiter in himmlisch schwebenden Klangkaskaden, der der Sängerin Sicherheit gibt und sie beim folgenden Block von  Rachmaninow-Liedern in russischer Sprache zu ihrer gewohnten Form führt. Da entstehen dann auch jene stimmliche Geschmeidigkeit, die Pianokultur, die man von Damrau erwartet, auch ihre mühelosen Spitzentöne, die sie sich seit ihrem Fachwechsel 2007 vom Koloratur- ins lyrische Fach bewahrt hat. Vollends in ihrem Element ist sie im französisch geprägten zweiten Teil, wo sie in Liedern von Reynaldo Hahn und Francis Poulenc auch ihre Koketterie einbringen und kleine komödiantische Trümpfe ausspielen kann.

Auch mit viel Schubertiade-Erfahrung ist ein Konzert vor diesem Publikum für Diana Damrau keine „g’mahte Wies’n“. Schubertiade
Auch mit viel Schubertiade-Erfahrung ist ein Konzert vor diesem Publikum für Diana Damrau keine „g’mahte Wies’n“. Schubertiade

Tags darauf duelliert sich Igor Levit im dritten von vier Konzerten innert weniger Tage mit dem großartigen Steinway, entlockt ihm mit seiner Anschlagskultur unglaubliche Klangnuancen. Dieses Pensum dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass er entgegen der Norm nach Noten, besser: nach Tablet spielt, mit einem „Umblätterer“, der für Unruhe sorgt. Der hochgradig intelligente, sensible Künstler hat für dieses Programm eine Dramaturgie komponiert, die wunderbar aufgeht, wenn man nur Mendelssohns Beiläufigkeiten am Beginn ausblendet. Ab da erschließt sich ein Kosmos düsterer Werke um Abschied und Vergänglichkeit, der Schubert und Mahler in verblüffende Nähe zueinander rückt. Eine Klavier-Transkription des Adagios aus Mahlers 10. Symphonie ist ein existenzielles, in einer Lebensphase der Verzweiflung komponiertes Stück, das sich ungeniert weit in die beginnende Moderne vortastet und damit gerade in dieser reduzierten Version schockierende Wirkung erzielt. So intensiv, kraftvoll und spannungsreich wie Levit das spielt, ist er nach 25 Minuten ziemlich geschafft.  

Morbide Schönheit

Dagegen verblasst sogar die letzte, oft brüchige Klaviersonate Franz Schuberts in B-Dur als Abschied von dieser Welt. Wenn das verschüttet geglaubte Thema des Kopfsatzes unvermutet wieder auftaucht, huscht jedes Mal ein diabolisches Lächeln über Levits Gesicht. Im Andante scheint die Welt für ihn stehenzubleiben, im Finale hilft er dem zögerlichen Schubert beim Weiterkommen. Das alles ist nahe an der Vollendung, das Publikum tobt. Das Programm rundet sich aber erst durch die Zugabe, das berühmte Streicher-Adagietto aus Mahlers „Fünfter“, Soundtrack im Visconti-Film „Der Tod in Venedig“, das wie ein Hauch des Todes durch den Saal schwebt. Man hätte weinen mögen ob so viel morbider Schönheit. Fritz Jurmann

Nächste Schubertiade-Konzerte in Hohenems: 20./21. September (u. a. Christian Gerhaher, Bariton, Kian Soltani, Violoncello)