Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Wie sind wir wirklich?

VN / 01.10.2019 • 17:59 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

„Vielleicht sind wir tatsächlich nicht so“ leuchtete es fröhlich am Handydisplay, und auch die Moderatorin im Fernsehen legte Hoffnung in ihre Stimme. Hatte der Bundespräsident recht? So sind wir nicht, hatte er angesichts der Ibiza-Affäre verkündet. Der Wahlabend schien das zu bestätigen. Also alles gut? Schwamm drüber?

Die Kirche kennt das. Sie nennt es Lossprechung. Der Akt dreht die Uhr der fatalen Irrtümer und Verfehlungen wieder auf Null. Menschen brauchen das. Aber Heilige werden sie dadurch nicht. Weil ja alles noch da ist: die Missgunst und der Neid, das Vernadern und Verleumden, die Lüge, der Betrug. Es hatte abseits der Tradition auch Gründe, dass man früher regelmäßig beichten ging. Denn lange hielt die Besserung nicht an.

Verlustängste, Enttäuschung, dieses trotzige „jetzt erst recht“ und „die da oben, wir da unten“– all das, was den Populisten die Wähler in die Hände treibt, ist noch immer da. Vorübergehend heimatlos geworden, aber schon wieder auf der Suche. Die Rattenfänger warten ums Eck. Man wird sich finden.

Thomas Matt
redaktion@vn.at