Wer hat den Schwarzen Peter?

Sport / 22.10.2019 • 14:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Für Katharina Liensberger wird es in dieser Saison wohl nichts mehr mit schnellem Skifahren. Der Skiverband setzt die Rennläuferin in der Materialwahl unter Druck. apa

Im Materialkonflikt um Katharina Liensberger beharrt Präsident Peter Schröcksnadel weiter auf den ÖSV-Standpunkten.

Schwarzach Sprechverbot für Katharina Liensberger, dafür redet Präsident Peter Schröcksnadel. In der ORF-Sendung Sport am Sonntag durfte der oberste Skiboss im Materialzwist der Läuferin mit dem Skiverband seine Wahrheiten wiedergeben. Nicht zum ersten Mal. Den Schwarzen Peter schiebt er der 22-jährigen Rennläuferin aus Göfis und Skihersteller Kästle zu.

Bestimmungen nicht eingehalten

Kein Wort davon, dass der Skipool offenbar einem unzulässigen Vertrag zugestimmt hat. Kein Wort im Fernsehen, dass es beim Skiverband Fauxpas gegeben hat. Der Kardinalfehler ist wohl dem Skipool unterlaufen. Kästle hätte nicht in den Pool aufgenommen werden dürfen, schreibt Dr. Christian Poley, der Skipool-Vorstandsvorsitzende. „Die bekannten Voraussetzungen für die Gültigkeit eines Ausrüstervertrags liegen nach meinem Dafürhalten nicht vor“, so Poley in einer Stellungnahme. „Insbesondere weil die Bestimmungen des Skipool-Statuts nicht eingehalten wurden“, bezieht er sich auf Paragraf 21.
„Sie wollte zu Kästle und mit gleichen Lange-Schuhen weiterfahren“, erklärt Schröcksnadel im Fernsehen. „Ich habe im Frühjahr gesagt: ,Das wird nicht gehen, weil Rossignol den Lange-Schuh nicht freigeben wird.‘ Sie hat es nicht geglaubt. Und wenn sie den Schuh nicht bekommt, dann kann sie auch mit Kästle nicht fahren. Eine einfache Geschichte.“ So einfach wiederum auch nicht. Liensberger besorgte sich Schuhe, ließ sie von einem Spezialisten anpassen. Der Skiverband hatte nichts dagegen, wandte aber ein, dass sie mit zwei Paar Schuhen wohl nicht eine ganze Saison bestreiten könne. Beim ÖSV war man Liensberger dann sogar behilflich, nochmals zwei Paar dieser Rennschuhe in Italien zu organisieren, in Sterzing wurden sie für die Läuferin fußgerecht bearbeitet.
Mit einem „Kaufhausschuh“ sei es nicht so einfach, führte Schröcksnadel vor der ORF-Kamera aus. Wenn die drei Faktoren Ski, Bindungssystem und Schuh nicht passen würden, sei man nicht schnell. Nur: Liensberger war im Training in Neuseeland mit ihrem neuen Material meistens am flottesten unterwegs.
Schröcksnadel erzählt weiters von Fristen, die nicht eingehalten wurden. Was er vielleicht nicht weiß: Das ÖSV-Büro fragte – wie bei allen Läufern – an, die Materiallisten zu übermitteln. Ein Ansuchen, aber von einer Frist kein Wort. Ein weiteres Argument des 78-Jährigen: Die Übertrittszeit sei mit Ende Juni zu Ende. Liensberger und Kästle wurde seitens der Skiobersten diesbezüglich aber sehr wohl eine Verlängerung gewährt. Kästle habe die Regeln nicht eingehalten, rüste noch keinen Nachwuchs aus, meinte Schröcksnadel weiter. Der Skierzeuger behauptet, diesbezüglich würde nichts in dem mit dem Skipool abgeschlossenen Vertrag stehen. Schröcksnadel bleibt dabei: „Liensberger kann nicht mit nicht zugelassenen Material trainieren.“

Schaden ist angerichtet

Weil dem ÖSV und dem Skipool längst die stichhaltigen Argumente ausgegangen sind, beruft man sich jetzt auch auf diverse Bestimmungen im Athletenvertrag. Und versucht so, Liensberger unter Druck zu setzen. Ein Vertrag, der wohl vor jedem Arbeitsgericht als sittenwidrig zerpflückt werden könnte.
Der Schaden ist angerichtet. Die schnellste Rennläuferin bei den Testläufen der ÖSV-Damen in Neuseeland ist mit den alten französischen Skiern aktuell offenbar nicht konkurrenzfähig. Neben dem Materialproblem wird auch der psychische Druck täglich größer. Auf Mikaela Shiffrin sollen Liensberger bei den Zeitläufen fast vier Sekunden gefehlt haben. Wie es scheint, fällt der Schwarze Peter am Ende wohl dem schwächsten Glied zu.