Das Oratorium als Gesamtkunstwerk

Kultur / 11.11.2019 • 19:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zu Ehren kommt auch etwa eine über die Bühne geführte Riesen-Raubkatze, mit der an das barocke „Maschinentheater“ erinnert wird. Opernhaus/Prammer
Zu Ehren kommt auch etwa eine über die Bühne geführte Riesen-Raubkatze, mit der an das barocke „Maschinentheater“ erinnert wird. Opernhaus/Prammer

Bei der Titelfigur von „Belshazzar“ darf man auch an neuere geldverfettete Polit-Großmäuler denken.

ZÜRICH Sind es 40 Milliarden Dollar? Oder 200? Seit Jahren wird darüber spekuliert, wie reich Russlands Machthaber Wladimir Putin ist. Das türkische Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan meinte zu seinem illegal in ein Naturschutzgebiet gebauten Palast in Ankara, dieser beherberge mindestens 1150 Zimmer. Nordkoreas Diktator Kim Jong-un lässt sich, derweil sein Volk darbt, in Nobel-Karossen vorfahren. Die Liste ließe sich erweitern.

In der Inszenierung von Georg Friedrich Händels 1745 uraufgeführtem und im Jahr 538 v. Chr. spielendem Oratorium „Belshazzar“ durch Sebastian Baumgarten am Opernhaus Zürich darf man bei der Titelgestalt auch an geldverfettete Polit-Großmäuler der Jetztzeit denken. Babylons Herrscher Belshazzar feiert ein Fest derart weinselig, dass die Perser die Stadt erobern können, Belshazzar getötet wird und die von ihm gefangengehaltenen Juden freikommen. Bei Händel und seinem Librettisten Charles Jennens siegt die Überzeugung, der monotheistische Glaube der Juden, dem (im Oratorium) auch die Perser anhängen, könne übermächtig-dekadente Herrscher, die dem Polytheismus huldigen, bezwingen.

Prophet Daniel filmt

Der Regisseur und die Ausstatterinnen Barbara Steiner und Christina Schmitt stellen die Grundpositionen scharf heraus. Betrunkene und bekiffte Babylonier, die in einem bunten archaischen Fummel herumeiern, kontrastieren zu Juden in spezieller Ordenstracht und einer Körperhaltung, die von innerer Sammlung kündet. Die in dunklem Kunstleder steckenden Perser wiederum wirken wie disziplinierte Krieger. Bei Baumgarten dreht Prophet Daniel (bei eher kleiner Stimme oft groß in der Wirkung: Tuva Semmingsen) die Geschichte als Film. Diese kinematografische Überschreibung geschieht mit viel technischem Brimborium wie Kamerafahrten über eine Modellstadt und so fort. Bei all dem hat der gewiefte „Gesamtkunstwerker“ Baumgarten die Möglichkeit, von einer psychologischen Personenführung auf diverse Kommentar-Ebenen auszubrechen, hingebungsvoll und oft ertragreich genutzt.

So wird unter anderem der „Hure Babylon“ Tribut gezollt, lässt man den Krieg, der ja gerade im Nahen Osten seine traurigen Wiederholungsschlaufen zieht, Fratzen ziehen, ja, werden sogar apokalyptisch anmutende Katastrophenbilder eingeflochten. Zwischen der dem neuen Glauben anhängenden Mutter von Belshazzar (ideal besetzt mit Layla Claire) und ihrem unbotmäßigen Sohn (beweglich in Stimme und Spiel: Mauro Peter) gestaltet sich ein spannender Konflikt.

Besondere Akzente setzt der Countertenor Jakub Jozef Orlinski in der Rolle des Perserprinzen Cyrus mit Hochgeschwindigkeits-Koloraturen. Die vom Händel-Spezialisten Laurence Cummings dirigierte Formation „Orchestra La Scintilla“ arbeitet die spätbarocke Affektrhetorik packend heraus und entsendet eine Vielzahl an Farben in den Klangraum.

Zu Ehren kommt auch etwa eine über die Bühne geführte Riesen-Raubkatze, mit der an das barocke „Maschinentheater“ erinnert wird. Opernhaus/Prammer
Zu Ehren kommt auch etwa eine über die Bühne geführte Riesen-Raubkatze, mit der an das barocke „Maschinentheater“ erinnert wird. Opernhaus/Prammer

Nächste Vorstellungen (zweidreiviertel Std.) bis 6. Dezember: www.opernhaus.ch