Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Probieren geht über sondieren

Politik / 11.11.2019 • 17:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Für ÖVP-Obmann Sebastian Kurz ist es ein „herausfordernder Prozess“, für Grünen-Chef Werner Kogler ein „Wagnis“ – verständlich, man muss dem eigenen Tun als koalitionssuchender Politiker ja auch eine gewisse Bedeutungsschwere verleihen. Die türkis-grünen Sondierungsgespräche gehen jetzt also sechs Wochen nach der Wahl in echte Koalitionsgespräche über. Nun könnten Medien, Wählerschaft, wir alle, zumindest versuchen, die üblichen Fehlleistungen in so einer Phase der Ungewissheit zu vermeiden.

Man sollte die Verhandlungspartner nicht sanft in ein Bündnis hineinzwingen wollen. Altvordere wie Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek oder Alt-Bundespräsident Heinz Fischer sprechen von Türkis-Grün als der quasi einzigen vorstellbaren Variante, die Kombination kommt in Umfragen gut an, viele Medien plädieren dafür. Das ist legitim, setzt allerdings die Verhandelnden auch unter Druck, vor allem die Grünen als kleinere Partei mit weniger Spielraum: Geh, stellt euch doch nicht so sperrig an!

Journalistinnen und Journalisten sollten nicht das Ehe- oder Beziehungs-Bild für die mögliche nächste Koalition bemühen. Ein Bild, das falsche Vorstellungen von Politik entwirft. Es geht um eine vernünftige Arbeitsbeziehung und einen anständigen Umgang miteinander, nicht um Liebe oder Freundschaft. Kurz & Kogler sind nicht Batman & Robin.

Grundsätzlich sollte man keine zu hohen Erwartungen entwickeln: Es wird zu Kompromissen kommen müssen, wenn sich zwei Parteien mit teilweise großen inhaltlichen Unterschieden finden wollen – das gehört zum demokratischen Prozess, und Österreich hat eben kein Mehrheitswahlrecht.

Keine zu hohen Erwartungen: Es wird zu Kompromissen kommen müssen, wenn sich zwei Parteien finden wollen.

Unsere tägliche Spekulation gib uns heute – diese Praxis mancher Medien irritiert nicht nur die Politikmenschen, sie nervt auch das Publikum, weil sie meist null Erkenntnisgewinn bringt. Irgendwelche zugespielten Gerüchte über Personalia und Ministerien-Verteilung zu veröffentlichen, ist noch kein Journalismus, leider. Stattdessen könnten wir nun jene großen Fragen breit diskutieren, die alle abseits von Türkis-Grün auch interessieren sollten: Wie können Ökonomie und Ökologie zusammenpassen? Wann sorgt man endlich für mehr Transparenz im Politikbetrieb? Wie kann man die Gesprächskultur im Land verbessern?