Über Ideologie, Angst und Verdrängung

Kultur / 15.11.2019 • 16:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
MetropolEugen RugeRowohlt432 Seiten

Metropol

Eugen Ruge

Rowohlt

432 Seiten

Eugen Ruge erzählt auch die eigene Familiengeschichte.

Roman Mit „Metropol“ füllt Eugen Ruge acht Jahre nach dem Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ eine Lücke in seiner großen DDR-Familiengeschichte über mehrere Generationen. Es ist auch die eigene Geschichte des Schriftstellers, der 1952 im Ural als Sohn eines deportierten Deutschen zur Welt kam. „Als mein Vater seiner Mutter bei ihrem Wiedersehen 1956 über seine Erfahrungen im stalinistischen Gulag zu berichten begann, hielt Charlotte sich die Ohren zu.“ Posthum spricht der Enkel sie jetzt zu Beginn dieser fesselnden 400 Seiten über die Jahre 1936 bis 1938 im Moskauer Hotel Metropol an: „Du hast dein Leben lang daran gearbeitet, sie vergessen zu machen, sie zu löschen aus deinem, aus unserem Gedächtnis. Fast ist es dir gelungen.“ Eben nur fast, denn Ruge hat die „Kaderakte“ von Charlotte drei Jahrzehnte nach ihrem Tod in einem russischen Staatsarchiv aufgetrieben. Die 246 Seiten mit Denunziationen durch andere, handschriftlicher Erklärung dazu und allerlei Amtlichem dienten ihm als Grundlage für einen historischen Roman. Belegt sind die 477 Tage und Nächte der Großmutter und ihres Partners Wilhelm als Bewohner des Hotels Metropol in permanenter Angst, im Zuge der mörderischen Stalinschen Verfolgungsorgien „abgeholt zu werden“, entweder zur sofortigen Erschießung oder zur Sklavenarbeit im Gulag. Belegt ist auch die Denunziation durch Hilde Tal wegen Kontakt zu dem schon als „trotzkistischen Banditen“ abgeurteilten und hingerichteten KPD-Intellektuellen Alexander Emel.

Obwohl von Beginn an klar ist, dass beide überleben, erzeugt der dramaturgisch clevere Erzähler Ruge eine sich mitunter fast pervers anfühlende Hochspannung, wann und wie es in diesem Irrsinn aus Angst, Verfolgung und fast sicherer Vernichtung die beiden Hauptpersonen erwischen wird. Der Autor legt im Epilog offen, wie er an seine historischen Quellen gekommen ist und sie verarbeitet hat. So faktengetreu wie möglich, aber natürlich, so schreibt er, „ist dieses Buch trotz aller Faktizität eine Erfindung“. Weil sich der Enkel vorgestellt hat und als Romanautor erzählt, was seine Großmutter gedacht und empfunden haben könnte. Auch für den Täter gilt als potenzielles Opfer dasselbe wie für die Hauptpersonen in diesem herausragenden Geschichtsroman: „Jeder konnte denunziert werden.“ Die mit jeder Seite drängendere Frage, warum Charlotte und Wilhelm trotz alledem gläubig blieben, lässt Ruge bewusst offen und nur ein paar Mal „die Ratte des Zweifels“ durch ihr Zimmer im Metropol huschen.