In den Tod fügen

Kultur / 31.01.2020 • 20:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der deutsche Dichter Wilhelm Raabe war 1869 in Vorarlberg. Aus Lindau kommend blieb er einige Tage in Bregenz, wo er eine hübsche Zeichnung mit „Blick von Bregenz auf den Bodensee“ anfertigte. Dann fuhr er weiter nach Alberschwende und Schwarzenberg, wo sich heute noch Spuren von ihm finden. Von Raabe stammt ein Zitat, das mir diese Woche häufig in den Sinn gekommen ist: „Da man in das Leben sich hat fügen müssen, wie viel leichter sollte man sich in den Tod fügen können.“ Ich musste über diesen Satz nachdenken, denn in den letzten Tagen ist mir der Tod mehrfach im Weg gestanden. Zuerst in der Erinnerung an den Todestag meiner ersten Frau, die vor 27 Jahren diese Welt verlassen hat. Man meint, die Zeit lege sich über solche Ereignisse, heile sie doch, wie der Volksmund fälschlich sagt, alle Wunden. Sie heilt nicht, aber sie macht doch schmerzliche Ereignisse erträglich und das Leben wieder lebenswert.

Mein Ereignis liegt weit zurück, andere mussten in diesen Tagen damit fertig werden. Gestorben ist die hochgeschätzte Frau eines guten Freundes. In einem langen, mühsamen Leidensweg hat sie sich „in das Leben fügen müssen“, letztlich auch in den Tod. Ebenso ein ehemaliger Politiker, ein großartiger Mensch. Auch er wusste um das bevorstehende Ende, trotzdem hat er das Leben bis dahin nicht ertragen, sondern intensiv gelebt. An zwei Tagen hintereinander wurden sie verabschiedet. Einmal im tief verschneiten Gargellen, in der schönen Bergkirche aus dem 18. Jahrhundert. In einem berührenden Gottesdienst wurde deutlich, was die Verstorbene für ihr direktes Umfeld gewesen war, wie groß die Zuneigung, die Liebe gewesen sein musste, in der eingebettet sie sich „in den Tod fügen“ konnte. Für den anderen wurde im Bregenzer Festspielhaus eine Verabschiedung gestaltet, die den außergewöhnlichen Mensch noch einmal – fast hätte ich gesagt: zum Leben erweckte. So deutlich spürbar waren die Liebe und Freundschaft, die ihm viele Menschen, allen voran seine Familie, entgegenbrachten.

In diesen Tagen war mein Leben vom Tod erfüllt. Nicht, dass das schön gewesen wäre. Auch nicht leicht. Aber trotzdem hatten diese Tage besondere Qualität, in kirchlichen, in weltlichen, immer in sehr persönlichen Erinnerungen an ganz besondere Menschen, die das eigene Leben begleitet und bereichert hatten. In diesen Tagen hatte Wilhelm Raabe unrecht: Es war leichter, durch die schon Vorausgegangenen war es leichter, sich in das Leben zu fügen, auch wenn der Tod fast allgegenwärtig war.

Aber trotzdem hatten diese Tage besondere Qualität, in kirchlichen, in weltlichen, immer in sehr persönlichen Erinnerungen an ganz besondere Menschen, die das eigene Leben begleitet und bereichert hatten.

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.