Krebspatient: Lebensfroh statt hoffnungslos

Gesund / 31.01.2020 • 13:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Patient Armin G. mit seiner Frau und dem behandelnden Oberarzt Peter Tschann. KHBG/MATHI

Neue Therapiemöglichkeiten eröffnen Betroffenen bessere Chancen.

Feldkirch Anfang Februar steht alljährlich der Weltkrebstag im Kalender. Er soll, wie andere Gesundheitstage auch, Bewusstsein bilden sowie zur Vorsorge und mehr Achtsamkeit motivieren. Zudem gibt der Tag Anlass, über aktuelle Entwicklungen in der Tumorbehandlung zu berichten. Anhand eines Patientenschicksals informiert die Abteilung für Innere Medizin II (Onkologie) am LKH Feldkirch, die neu unter der Leitung von Primar Thomas Winder steht, über Fortschritte in der Krebsforschung und die neuesten Möglichkeiten der personalisierten Krebstherapie in Vorarlberg. So können nun anhand der molekularen Diagnostik die individuellen Eigenschaften jedes einzelnen Tumors charakterisiert werden. Für jene Patienten, die zielgerichtet behandelbare Charakteristika aufweisen, wird eine personalisierte, gezielte Krebstherapie möglich. Damit werden immer mehr Krebserkrankungen erfolgreich behandelt – und zur chronischen Erkrankung. Für Patienten bedeutet dies von der Hoffnungslosigkeit zurück zur Lebensfreude.

Neuer Rückschlag

Jänner 2017: Armin G. (56) erhält die Nachricht, dass bei einer Vorsorgeuntersuchung Dickdarmkrebs festgestellt worden ist. Der Tumor wurde im LKH Bludenz operiert. Da der Krebs aber bereits in die Lymphknoten gestreut hatte, war eine sechsmonatige Chemotherapie notwendig. Nach anfänglichen Schwierigkeiten meisterte der Patient die Chemotherapie recht gut, erholte sich zusehends und konnte im Dezember wieder in seinen Beruf als Skilehrer zurückkehren. Auch bei der Jahresuntersuchung im Jänner 2018 war alles in Ordnung. Die Freude über die wiedererlangte Lebensqualität währte jedoch nicht lange, denn schon im April wurde neuerlich Krebs, diesmal im Enddarm, diagnostiziert. Der Tumor wurde in der Radioonkologie bestrahlt und in den Abteilungen für Chirurgie am LKH Feldkirch operiert. Im Jänner 2019 folgte die nächste Hiobsbotschaft: ein Rezidiv. Der Krebs war als systemische Erkrankung in anderen Organen wiedergekehrt. Nun waren auch Leber und Lunge befallen.

Vorschlag Immuntherapie

Auf die hier übliche Chemotherapie sprach Armin G. nicht an. Er, seine Frau und die beiden Kinder waren verzweifelt. Daraufhin ordnete Primar Thomas Winder, damals noch Oberarzt, beim Patienten eine sogenannte molekulare Tumordiagnostik an. Der Mann hatte Glück im Unglück, denn bei seinem Tumor konnte ein spezieller Defekt festgestellt werden, der nur bei fünf Prozent der betroffenen Patienten mit Rektum-Karzinom vorkommt. „Diese spezielle Beschaffenheit des Tumors war ausschlaggebend, dass wir bei Herrn G. eine sogenannte Immuntherapie anwenden konnten“, erklärt Winder. „Dies bedeutet, dass wir Medikamente, sogenannte Checkpoint Inhibitoren, verabreichen konnten, welche das körpereigene Immunsystem gegen den Krebs aktivieren.“ 

Auf dem Mountainbike

Im August 2019 ging es dem Patienten bereits deutlich besser, er hatte auf die individuelle Immuntherapie hervorragend angesprochen. Dies führte zu einer eindrücklichen Begegnung am Berg: Im Spätsommer, also rund sechs Monate nach der ersten Spezialbehandlung, traf Winder seinen Patienten beim Mountainbiken. Die Lebensfreude und der Mut waren zurückgekehrt. „Es war eine große Erleichterung, dass ich auf die Immuntherapie angesprochen hatte. Für alle. Jetzt muss ich alle zwei Wochen nach Rankweil zur Therapie, aber was ist das schon im Vergleich zu vorher? Ich vertrage die Immuntherapie gut, es geht mir gut. Es freut mich, dass ich dank dieser Immuntherapie die drei verlorenen Jahre mit meinen Kindern und meiner Frau nachholen und etwas mit ihnen unternehmen kann“, berichtet Armin G. zufrieden.

Der Krebs ist nicht geheilt, aber behandelbar und kontrollierbar geworden. Die behandelnden Onkologen bekamen die Krebserkrankung durch eine gezielte Diagnostik und Anwendung einer individuellen und innovativen Behandlungsmöglichkeit in den Griff. „Wir freuen uns, dass die Krebsforschung hier so rasante Fortschritte macht und dank molekularer Diagnostik eine individuelle Behandlung –  je nach Krebserkrankung – stattfinden kann. Nur so ist es möglich, dass Krebs statt zu einer folgenschweren zu einer chronischen Erkrankung wird“, freut sich auch Primar Winder. Das Ziel ist nun, dass der Krebs nicht mehr wächst, kleiner wird und so lange wie möglich kontrollierbar bleibt mit dem höchsten Maße an Lebensqualität.

Regelmäßiger Austausch

Nahezu alle an Krebs erkrankten Menschen können dank der vorhandenen Expertise in Vorarlberg behandelt werden.  So werden am Institut für Pathologie am LKH Feldkirch zahlreiche molekulare Analysen für ein breites Spektrum von Tumorerkrankungen angeboten. Weist der Tumor im Rahmen der molekularen Diagnostik entsprechende Charakteristika auf, kommt eine gezielte Krebstherapie als Behandlungsform in Frage. Winder: „Die enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit der behandelnden Fächer und der Austausch der Ärzte bei und auch mit jedem einzelnen Krebspatienten ist die erste Prämisse nach der Diagnose Krebs. Disziplinen wie medizinische Onkologen, Chirurgen, Strahlentherapeuten, Radiologen, Gynäkologen, Urologen, Nuklearmediziner und Pathologen tauschen sich in unserem regelmäßig stattfindenden, interdisziplinären Tumorboard über jeden einzelnen Erkrankungsfall und die entsprechende Therapie aus. Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle der Pflege und der Psychoonkologie in der Behandlung von Krebspatienten, denn auch Zuspruch und Zuhören helfen den Betroffenen in oft persönlich kaum bewältigbaren Situationen.“