Man kennt ihn, sieht ihn aber selten

Kultur / 07.02.2020 • 22:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

„Gas“ von 1940 zählt zu den bekanntesten Gemälden.

Beyeler zeigt Edward Hopper, Wim Wenders nähert sich dem Maler, der in Europa kaum vertreten ist, filmisch.

Basel, Bregenz Nein, das allseits bekannte Ölgemäle „Nighthawks“ aus dem Jahr 1942 ist nicht dabei. Und das spielt überhaupt keine Rolle, wenn sich die Fondation Beyeler in Basel-Riehen mit Edward Hopper (1882-1967) bis Mitte Mai wieder zum absoluten Hotspot für Kunstfreunde macht. Abgesehen davon, dass die Sammlung stets auch Arbeiten von Zeitgenossen enthält, trifft der Vorwurf, mit Blockbustern punkten zu wollen, nicht zu. Zentrale Arbeiten aus Hoppers umfangreichem OEuvre sind aufgrund der vielen Reproduktionen zwar weitgehend geläufig, im Original zu sehen sind sie in Europa jedoch kaum. Deutsche Museen haben nur wenige Exemplare in der Sammlung und eine umfangreiche Präsentation liegt schon fast ein Jahrzehnt zurück. Damals widmete sich das Pariser Grand Palais dem Amerikaner.

Film von Wim Wenders

Rund 65 Arbeiten sind es nun, die mit einem Künstler konfrontieren, dessen nahezu menschenleere Städte, dessen Landschaften, die nicht selten in einem dunklen Wald enden und dessen Häuser gerade weil sie leicht abstrahiert sind, dem Betrachter viel zu erzählen haben. Kurator Ulf Küster hat die Werke aus amerikanischen Sammlungen zusammengetragen und er hat zudem ein Ass im Ärmel. Wim Wenders, dessen  Film „Paris, Texas“ mit den Stimmungen, die Hopper festhält, in Beziehung zu bringen wäre, wurde für einen Text angefragt. Wenders, der jüngst im Kunsthaus Bregenz referierte und mit dessen Architekt Peter Zumthor schon vor einiger Zeit ein Filmprojekt begonnen hat, schlug eine filmische Annäherung vor. „Two or three things I know about Edward Hopper“ ist ein rund 15-minütiger 3-D-Film, der wortlos, aber mit zusätzlich einlullendem Sound Motive aus zentralen Arbeiten Hoppers aufnimmt, die Geschichten behutsam weiterspinnt und dabei die Perspektiven wechselt. So taucht etwa an der Tankstelle aus dem bekannten Gemälde „Gas“ eine Limousine auf, aus der eine ältere Frau aussteigt, die im nächsten oder übernächsten Bild als Person auftaucht, die in einer eher konfliktgeladenen Beziehung zu einem Mann steht. Die Lichtstimmungen, diese Sonnenuntergänge, die die Landschaft komplett verändern und auf die Bildkomposition Einfluss nehmen, greift Wenders so genial auf, wie die Schattenwürfe, die von jeweils verschiedenen Lichtquellen herrühren. Es ist nichts banal Gespenstisches an den Bildern, aber durchaus etwas Unheimliches, das Hopper entspricht und das Wenders – mit Sicherheit bewusst – mitunter nahe am Kitsch vorbeibugsiert. Vor purer Schönheit braucht er ja nun wirklich keine Scheu zu haben.

Das Unterbewusste

Hopper, mit dem man sich in Europa, wo man US-amerikanische Kunst in erster Linie mit dem abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock und dann mit der Pop-Art in Verbindung brachte, grundsätzlich erst spät auseinandersetzte, spricht selbst von „der Übertragung der intimsten Eindrücke der Natur“ und vom psychologischen Aspekt in seinen Arbeiten: „Kunst ist in so hohem Maß ein Ausdruck des Unbewussten, dass mir scheint, dass sie dem Unbewussten das Wichtigste verdankt und das Bewusstsein nur eine untergeordnete Rolle spielt“, heißt es in einem Brief.

Auch wem nicht gleich auffällt, dass die vielen Strommasten in seinen Gemälden, etwa „Portrait of Orleans“ aus dem Jahr 1950 oder „Wellfleet Road“ aus dem Jahr 1931, an sich ihrer Funktion enthoben sind, weil es die Drähte gar nicht gibt, die sie miteinander verbinden sollten, nimmt irgendetwas Irritierendes wahr. Und sei es die junge Frau, die im Werk „Cape Cod Morning“ aus dem Jahr 1950 aus einem Fenster, das an sich gar nicht vorhanden sein kann, in die Waldlandschaft blickt

Auktionsrekorde

Bilder von Hopper sorgen im Übrigen mittlerweile für Auktionsrekorde. Vor eineinhalb Jahren vermeldete Christies, mit dem Werk „Chop Suey“ rund 92 Millionen Dollar erzielt zu haben. Besuchern der Fondation Beyeler bietet sich die Möglichkeit, etwa neben den Häusern, die Hitchcock zu Filmszenen inspiriert haben, auch weniger bekannte Sujets zu erkunden. Dass Hopper mit Uferlandschaften faszinierte, auf denen man das Meer kaum erkennt, ist bekannt, die Nähe seiner Wohnungen zu Flüssen hat er hingegen in einigen Bildern festgehalten, die sich als Entdeckungen erweisen, weil er die scheinbare Idylle, die beispielsweise ein Segler auf blaugrünen Wellen bietet, so subtil aufzubrechen versteht.

„Wäre es in Worte zu fassen, gäbe es keinen Grund zu malen.“

Aus einer kaum bekannten Werkserie:

Aus einer kaum bekannten Werkserie: „The Bootleggers“ von 1924/25.

Anziehend:
Anziehend: „Second Story Sunlight“ aus dem Jahr 1960.
Filmemacher Wim Wenders mit dem Bild „Cape Cod Morning“ von Edard Hopper aus dem Jahr 1950. Beyeler, VN/cd
Filmemacher Wim Wenders mit dem Bild „Cape Cod Morning“ von Edard Hopper aus dem Jahr 1950. Beyeler, VN/cd

Die Ausstellung ist in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen bis 17. Mai geöffnet, tägl. 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr: www.fondationbeyeler.ch