Von anonymen Briefen

Vorarlberg / 07.02.2020 • 19:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Leserbrief ist eine tückische Einrichtung. Man weiß in Wahrheit nie, woher er kommt – wenn man den Absender nicht persönlich kennt oder er sich über elektronische Spuren selbst enttarnt. Neben Parteien, von denen professionelle Leserbriefabteilungen bekannt sind, spielen auch manche Medien mit verdeckten Karten. So mancher Zeitungsmacher soll sich schon unter falschem Namen selbst geschrieben haben. Womöglich fiel man aber auch auf Pseudonyme herein. So veröffentlichte die „Kronen Zeitung“ 2011 den Leserbrief eines Charakters der Fernsehserie „Die Simpsons“, der dadurch verösterreichert worden war, dass man ihn zum Diplomingenieur befördert hatte.

Gegen gut getarnte pseudonyme Zuschriften ist letztlich kein Kraut gewachsen, gegen anonyme sehr wohl. Als die VN 1946 damit begannen, Leserbriefe abzudrucken, hielt die Redaktion fest: „auch der Leserbrief hat seine Regeln.“ Denn „anonym geschriebene Briefe landen im Papierkorb.“ Es sei „unbedingt notwendig, daß sich der Briefschreiber der Redaktion gegenüber nicht verdeckt.“ Dahinter steckte vielleicht auch eine Lehre aus früheren Zeiten, als sich die Vorarlberger Parteien und die dazugehörigen Tageszeitungen noch gegenseitig mit anonymen Schreiben eindecken. So erhielt das schwarze „Vorarlberger Volksblatt“ 1893 den Wutbrief eines angeblichen Sozialdemokraten. Das schwarze Parteiblatt zitierte genüsslich daraus, um die Verkommenheit der Sozis zu belegen. Man solle einen der klerikalen Redakteure „zum Teufel schicken“, soll es darin unter anderem geheißen haben, worauf die Zeitung replizierte: „anonyme Schreiben nehmen sich verteufelt schlecht aus“. Die Sozialdemokratie ließ wissen, dass so ein Schreiben von keinem „ziel-bewussten Social-Demokraten“ stammen könne. Man führe „einen offenen Kampf“ ohne Hinterlistigkeit.

Das „Volksblatt“ nahm anonyme Zuschriften freudig auf. Landeshauptmann Adolf Rhomberg ließ die Zeitung wiederholt in Briefe Einsicht nehmen, die ihm von unbekannten Absendern zugeschickt worden waren. Darin würden „völlig grundlose Vorwürfe“ gemacht, erklärte das Blatt 1915 kryptisch. Ein Eingehen auf diese Vorwürfe sei jedoch „heute nicht möglich“. Unangenehm dürften sie jedenfalls gewesen sein. Rhomberg erklärte die Zuschriften für „eine feige Handlungsweise“ von der er „künftig überhaupt keine Notiz mehr nehmen werde“. Zumindest die sprachliche Qualität der Schmähschriften dürfte früher besser gewesen sein als heute: In Baden, so berichtete das „Tagblatt“ 1896, habe der frisch gebackene Träger eines Verdienstkreuzes einen anonymen Brief mit folgenden Zeilen erhalten: „Wie Christus trug das große Kreuz, So trag auch Du das kleine; Er trug es ja ganz unverdient, So wie auch Du das Deine.“

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at