Vorarlberg nimmt an Studie zu Wehrmachtsdeserteuren teil

Vorarlberg / 07.02.2020 • 19:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
In Vorarlberg wurde 2017 ein Denkmal für Vorarlberger Widerstandskämpfer und Wehrmachtsdeserteure eröffnet. Nun folgt ein weiteres Forschungsprojekt.
In Vorarlberg wurde 2017 ein Denkmal für Vorarlberger Widerstandskämpfer und Wehrmachtsdeserteure eröffnet. Nun folgt ein weiteres Forschungsprojekt.

Autoren der neuen Untersuchung bitten um Hinweise aus der Bevölkerung.

Schwarzach Dolphina Burtscher starb 2008 im Alter von 82 Jahren. Vier Jahre zuvor schrieb sie auf, was am 9. Juli 1944 in einem Bauernhaus im hintersten Großen Walsertal geschah. Der Historiker Markus Barnay zitiert sie in einem Aufsatz: „Zwei Polizisten standen vor mir und riefen: ‚Hände hoch!’ (…) In diesem Augenblick kamen schon Gestapoleute mit Willi und Martin herunter, beide mit Handschellen gefesselt.“ Wilhelm Burtscher war einer von ungefähr sechs Wehrmachtssoldaten aus der Region, die aus ihrem Heimaturlaub nicht mehr zurückkehrten. Sein Fall ist dokumentiert, wie so viele Fälle von Wehrmachtsdeserteuren. Ihnen wurde in Bregenz bekanntlich ein Denkmal gewidmet. Die Universität Innsbruck hat nun ein Projekt gestartet, um die Zahl und die Rolle von Wehrmachtsdeserteuren in Tirol zu untersuchen. Am Dienstag beschloss die Vorarlberger Landesregierung, nachträglich mit rund 50.000 Euro Teil davon zu werden.

Justizakten auswerten

Projektleiter ist der Kärntner Historiker Peter Pirker. „In Vorarlberg hat man schon viel in diese Richtung gemacht. Allerdings meistens Fallstudien, nie quantitativ.“ Das soll sich nun ändern. Nun soll auch die Zahl untersucht werden, weshalb die Wehrmachtsjustizakten im österreichischen Staatsarchiv ausgewertet werden.

 „Vorarlberg hat ein paar Spezifika, die untersuchenswert sind“, fährt er fort. So spielte damals die Fluchtroute in die Schweiz eine wichtige Rolle für Menschen, die sich der Wehrmacht entziehen wollten. „Manchen gelang es, anderen nicht.“ Deshalb werden sowohl Justizakten in Innsbruck als auch Archive in Bern ausgewertet. Ein besonderes Augenmerk gilt auch schwedischen Archiven und Bruno Kreisky. „Er betreute damals Soldaten, die von Finnland und Norwegen nach Schweden geflüchtet sind. Davon stammten fast die Hälfte aus Tirol und Vorarlberg.“ In den vergangenen Wochen habe er mit Ulrich Nachbaur vom Vorarlberger Landesarchiv alles vorbereitet. Am Dienstag folgte der Regierungsbeschluss. Der grüne Klubobmann Daniel Zadra lobt: „Es freut mich, dass dieses Projekt aus dem Regierungsprogramm jetzt schnell angegangen wird. Vorarlberg stellt sich mehr und mehr seiner Verantwortung.“

Forschungsleiter Pirker hofft auf Hilfe aus der Bevölkerung. „Uns geht es auch darum, neue Entziehungen aus der Wehrmacht zu finden. Deshalb sind wir auf Hinweise angewiesen.“ Wer dazu beitragen möchte, kann sich an peter.pirker@uibk.ac.at wenden. VN-mip

„Die Hälfte der Soldaten, die nach Schweden sind, stammen aus Tirol und Vorarlberg.“