“Ich bin zuversichtlich, dass Vorarlberg bald wieder eine Spielerin im Nationalteam hat”

Sport / 25.11.2020 • 20:00 Uhr / 15 Minuten Lesezeit
"Ich bin zuversichtlich, dass Vorarlberg bald wieder eine Spielerin im Nationalteam hat"
Teamchefin Irene Fuhrmann hat mit Österreichs Fußball-Frauenteam die EM-Endrunde 2022 im Visier. VN/PAULITSCH

ÖFB-Frauenteam trifft am Dienstag in Altach in der EM-Quali auf Serbien.

Bregenz Neo-Teamchefin Irene Fuhrmann (40) kann sich vorstellen, dass das Fußballnationalteam der Frauen in Zukunft öfter Spiele in Vorarlberg austrägt. Im VN-Interview lobt sie die Unterstützung vor Ort. Zunächst geht es am Freitag auswärts in Frankreich und am Dienstag (18.30 Uhr) in Altach gegen Serbien um die Qualifikation für die EM-Endrunde 2022. Die Wienerin sieht auch gute Chancen, dass bald wieder eine Spielerin aus Vorarlberg das Nationalteamtrikot tragen wird.

Sie sind seit Juli 2020 Teamchefin des österreichischen Fußballnationalteams der Frauen und damit vom Amt der Co-Trainerin aufgestiegen. Wie gut haben Sie sich in Ihrer neuen Rolle bereits eingelebt?

Es ist ein absolutes Privileg für mich. Ich fühle mich sehr mit dem Frauenfußball verbunden und es ist für mich kein 08/15-Job. Es macht mir unheimlich Spaß mit diesem Team zu arbeiten und es war auch einer der Gründe, weshalb ich diesen Job unbedingt wollte, weil ich denke, dass wir einzigartige Charaktere in der Mannschaft und ein unheimliches Teamgefüge haben. Was den Betreuerstab betrifft musste ich diesen gerade was das Sportliche betrifft, neu besetzen, aber das Team hinter dem Team arbeitet rund um die Uhr, damit die Mannschaft dann bestens vorbereitet ist. Es taugt uns einfach.

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Manuela Zinsberger (Mitte) ist im Tor gesetzt. VN/Paulitsch

Sie waren früher selbst Nationalspielerin und jetzt sitzen Sie mit den Gedanken an Europameisterschaft und Weltmeisterschaft hier. Wie hat sich der Frauenfußball aus Ihrer Sicht entwickelt?

Es sind Welten dazwischen. Ich bin ganz zufällig in der Universität zum Vereinsfußball gestoßen. Ich habe zuvor immer mit meinen älteren Brüdern Fußball gespielt, aber nie in einem Verein. Als ich dann das Wahlfach Fußball für Frauen besucht habe, hat die Professorin mir drei Wiener Vereine aufgezählt, die damals bereits ein Frauenteam hatten. So bin ich erst zum Fußball hingekommen. Daran sieht man auch, wie groß die Unterschiede zu heute sind. Der Grundstein für den heutigen Stellenwert war meines Erachtens schon die Eröffnung des Nationalen Zentrums für Frauenfußballs, der heutigen ÖFB Frauen Akademie. Damit hat der ÖFB ein klares Zeichen gesetzt, dass sie in der Spitze etwas verändern möchten. Durch die Akademie hatten die Mädchen im Alter zwischen 14 und 19 neu die Möglichkeit Schule und Fußball zu kombinieren und bis zu sieben Trainingseinheiten pro Woche zu absolvieren. Unser Anliegen der ÖFB Frauen Akademie ist es, einerseits die besten Talente zu Nationalteamspielerinnen zu formen, aber auch unsere Liga zu stärken. Insofern kann man früher und heute nicht vergleichen.

Es gibt immer ein gewisses Risiko, wenn man ein derart erfolgreiches Team übernimmt, wie Sie es diesen Sommer gemacht haben. Wie sehr haben Sie auch Druck gespürt?

Das war sicherlich auch einer der Gedanken, den ich hatte, weshalb ich nicht sofort zugesagt hatte. Die Ära unter Dominik Thalhammer war eine historische und wird auch immer so stehenbleiben. Nichtsdestotrotz habe ich ja bereits da meinen Beitrag dazu geleistet und es gilt jetzt einfach, meinen Weg mit dem Team zu finden und auch zu gehen. Wir haben noch Dinge und Visionen, die wir noch nicht erreicht haben. Die Qualifikation für die EM steht aktuell aber schon in unserem Fokus. Aber danach gibt es eine WM-Qualifikation. Und ich denke es wäre ein unheimlicher Push, wenn wir als kleines Land auch einmal dorthin fahren könnten.

Man hört aus dem Team, dass seit Ihrer Übernahme die Stimmung gelassener und ein gewisser Spaßfaktor vorhanden ist. Wie viel hat sich verändert?

Man soll nie groß vergleichen. Aber was mir schon ein Anliegen ist, dass ich dem Team einen Rahmen geben möchte, indem sie sich frei bewegen können. Damit will ich fördern, dass sie ihre individuellen Potenziale und Stärken abrufen können. Von daher ist es bisher ganz gut gelungen, dass sie sich in diesem Rahmen auch bewegen.

Und das Team hat mehr Freiraum, um auch die eigene Kreativität ausleben zu können?

Wenn wir abseits des Platzes denken, ja. Aber das war auch zuvor schon auch so. Es gilt einfach gewisse Dinge einzuhalten. Das Team setzt sich auch gewisse Regeln selbst auf, wie etwa die Mittagsruhe. Im technisch-taktischen Bereich geht es ganz klar immer darum, gewisse Dinge einzufordern. Es braucht Eckpunkte, da ansonsten das Konzept nicht aufgeht. Wenn ich als Beispiel hier das Spiel mit dem Ball hernehme, muss es aber auch Freiheiten geben, da wir ja nicht draußen mit dem Joystick stehen können und die Spielerinnen lenken und leiten. Sie müssen selbst Entscheidungen treffen, die Räume erkennen und belaufen. Da sind die Freiheiten sicherlich größer. Was das Defensive betrifft, haben wir schon ganz klare Vorstellungen, wo wir zu Ballgewinnen kommen können und da muss ein Rad ins andere greifen und nicht einzelne Spielerinnen eigene Ideen machen.

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Fokussiert geht es beim Kurzpasstraining zur Sache. VN/Paulitsch

Corona wirft im Fußball beinahe alles durcheinander. Für das Team heißt das, dass alles viel geschlossener ist, das Hotel darf nur für Trainings und Spiele verlassen werden. Wie sehr beeinflusst das die gesamte Vorbereitung?

Es ist sicherlich eine sehr herausfordernde Situation. Aber wie Sie es bereits angesprochen haben, haben wir eine sehr gute Stimmung im Team, sowohl das Team im Team oder das Team hinter dem Team. Das macht die Sache schon deutlich leichter. Wenn man hier gerne ist, gerne miteinander arbeitet, dann schafft man es auch, sich in diesen Zeiten einzuschränken und sich nur in dieser Blase zu bewegen.

Was hat den Ausschlag für den Aufenthalt in Vorarlberg gegeben?

Für mich ist wichtig, dass sich das Nationalteam in ganz Österreich zeigt und präsentiert. Auch sollte die Bevölkerung im Westen grundsätzlich die Möglichkeit haben, zu einem Nationalteamspiel zu kommen. Der aktuelle Stand ist leider, dass dieses Mal keine Zuschauer zugelassen sind. Aber ich glaube, es gibt in Vorarlberg auch sehr schöne Plätze und es ist eine tolle Sache, hier zu sein. Gerade auch mit dem Hintergrund, dass Vorarlberg in den letzten Jahren im Frauenfußball extrem viel bewegt hat.

Wie finden Sie die Bedingungen hier in Neu Amerika oder auch in der Cashpoint Arena, wo sie dann am Dienstag gegen Serbien spielen?

Ich war tatsächlich selbst noch nicht in Altach, aber meine Teammanagerin war dort. Wir werden nach unserer Rückkehr aus Frankreich versuchen, dort zu trainieren und ich bin überzeugt, dass wir dort alles vorfinden, was wir brauchen. Aufgrund der Jahreszeit war es für uns wichtig, ein Bundesligastadion zu haben, falls eine Rasenheizung notwendig sein sollte. Fakt ist, wir fühlen uns hier in Bregenz sehr wohl. Das Hotel bietet uns ein richtiges Wohlfühlambiente. Was den Trainingsplatz hier betrifft, denke ich, dass uns für die Jahreszeit das Bestmögliche geboten wird.

Es sind jetzt acht Jahre vergangen, seit das Nationalteam zuletzt in Vorarlberg Halt machte. Müssen wir jetzt wieder acht Jahre darauf warten oder können Sie sich vorstellen, dass Vorarlberg regelmäßig Austragungsort sein wird?

Ich bin absolut offen dafür, dass wir uns öfter in den Westen bewegen. Aber es wäre mir ein Anliegen, auch einmal im Süden oder in der Mitte Österreichs zu sein. Es bedarf immer der Bereitschaft vieler vor Ort, um so etwas möglich zu machen. Und diese Bereitschaft haben wir hier gespürt und deswegen freut es uns, dass wir jetzt hier sein können.

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Irene Fuhrmann beobachtet die Trainingsarbeit genau. VN/Paulitsch

Ihre Vorbereitungen richten sich aktuell auf das EM-Qualifikationsspiel am Freitag auswärts in Frankreich. Das ist eine große Nummer im Frauenfußball. Aktuell reden wir davon, dass Österreich hinfahren und auch ergebnistechnisch etwas erreichen kann. Wie sieht es hier in Ihnen aus, ist diese Vorschau zu optimistisch?

Für uns ist die Rollenverteilung ganz klar. Frankreich ist die Nummer drei der Welt und hat eine unheimliche individuelle Qualität. Dort kann einfach alles passieren. Wir haben es im Hinspiel gesehen, wenn die Französinnen ihre Chance in der Anfangsphase nützen, wird das Spiel einen ganz anderen Ausgang nehmen. Aber das ist das, was uns auch auszeichnet. Wir wollen uns keine Grenzen setzen. Wir haben den Vorteil, dass die Französinnen unter Druck stehen und wir im Rahmen unserer Möglichkeiten wissen, dass wir etwas schaffen können. Aber uns ist auch ganz klar, dass wir in der ein oder anderen Situation viel Glück hatten, dass wir dieses 0:0 halten konnten. Aber genau so sehe ich das auch für das Spiel gegen Serbien. Ich werde oft damit konfrontiert, dass es heißt, dass wir die drei Punkte eh holen werden. Aber das ist genau dieses Schwarz-Weiß-Denken, dass mich so stört. Klar ist die Wahrscheinlichkeit gegen Serbien zu gewinnen deutlich größer. Aber wir müssen auch sehen, dass wir die Serben bereits in der WM-Qualifikation hatten und da zuhause nur 1:1 gespielt haben. Wir haben in der laufenden Qualifikation das Auswärtsspiel knapp 1:0 gewonnen. Dies dank eines Seitfallziehers von Nicole Billa. Du brauchst nicht nur in einem Spiel gegen Frankreich das Glück, du brauchst es genau auch in diesen Spielen, dass sie den Ball genau so trifft. Das ist im Fußball das Schöne, dass viele Dinge passieren können, die man nicht unbedingt vorbereitet.

Diesen Status hat sich das Team aber auch erarbeitet, dass viel mehr erwartet wird.

Das beste Beispiel ist ja auch unser Männer Nationalteam. Sie verlieren aktuell praktisch nichts und trotzdem ist die Kritik extrem hoch. Weil auch der Anspruch da ist, schön zu spielen. Sie haben sich diese Perspektive auch selbst erarbeitet. Nichtsdestotrotz müssen wir auch sehen, dass uns für diese zwei wichtigen Spiele in der Defensive mit Captain Viktoria Schnaderbeck und Katharina Schiechtl zwei Stützen fehlen. Wir müssen uns hier nach der Decke strecken und dürfen das Spiel gegen Serbien nicht außer Acht lassen und gegen Frankreich nicht alles reinwerfen. Wir brauchen die Akkus dann auch noch für das Heimspiel gegen Serbien, deshalb ist es für uns ein gewaltiger Balanceakt.

Was uns Vorarlberger vielleicht etwas abgeht, dass keine Vorarlberger Spielerin hier dabei ist. Sie haben mit Anna Bereuter und Sabrina Horvat zwei Spielerinnen auf Abruf nominiert. Wie sehen Sie die Entwicklung der Spielerinnen aus dem Ländle?

Sabrina Horvat war ja bereits das ein oder andere Mal im Nationalteam dabei. Da ist die Situation aktuell so, dass sie beim 1. FC Köln in der zweiten deutschen Bundesliga spielt. Diese Liga wurde jetzt abgebrochen und es finden dort aktuell keine Spiele statt. Anna Bereuter hat sich gerade im letzten halben Jahr ganz stark entwickelt und den Schritt gewagt, zu unserem österreichischen Aushängeverein SKN St. Pölten zu wechseln und hat dort zurecht bereits viel Spielzeit erhalten. Deswegen hat sie den Weg auf die Abrufliste gefunden und ich bin guter Dinge, dass sie eine große Zukunft vor sich hat. Aktuell ist sie leider am Sprunggelenk verletzt. Zu einem schlechten Zeitpunkt, denn sie hätte vermutlich die Möglichkeit bekommen, aufgrund der Kadersituation zum Team dazu zustoßen. Die Entwicklungen in Vorarlberg merkt man auch dahingehend, dass wir derzeit drei Spielerinnen in der ÖFB Frauen Akademie fördern dürfen. Deshalb glaube ich, dass sich in Zukunft die ein oder andere in den Kader spielen wird, aber das dauert noch etwas.

"Ich bin zuversichtlich, dass Vorarlberg bald wieder eine Spielerin im Nationalteam hat"
Teamchefin Irene Fuhrmann im Gespräch mit ihren Co-Trainern Sargon Duran (l.) und Markus Hackl. VN/Paulitsch

Im Kader sind viele Spielerinnen, die im Ausland spielen. Aber den österreichischen Weg wollen Sie nicht außer Acht lassen?

Natürlich achte ich auch auf die einheimischen Spielerinnen. Es soll auch immer die Möglichkeit geben, dass man aus einem österreichischen Verein zum Nationalteam kommt und da spielt es keine Rolle ob man aus dem Burgenland oder Vorarlberg kommt.

Können wir davon ausgehen, dass es nicht mehr Jahre dauern wird, bis wir wieder eine Vorarlbergerin im Nationalteamtrikot erleben dürfen?

Ich bin da sehr optimistisch.

Mit welchen Gefühlen oder Emotionen wollen Sie Vorarlberg nächste Woche verlassen?

Schön wäre, wenn wir in diesem Lehrgang die drei Punkte geholt haben und unseren Teil erledigt haben. Auch wenn wir die drei Punkte holen ist die direkte Qualifikation sehr wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, dass wir dennoch in das Play-off müssen. Denn in den anderen Gruppen wurden Spiele aufgrund der aktuellen Situation ins Frühjahr verlegt und da müssen wir diese Ergebnisse dann vielleicht noch abwarten. Wir für uns wollen unseren Part erledigen und das wäre schön, wenn wir das schaffen würden. HFL

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